Alexander Wüstenstar

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen: Reiseberichte zum Informieren und Träumen, fotografisch dokumentiert. In diesem Forum findet ihr Reiseberichte als "Fotostreckenführer" zu interessanten Reisewegen.

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Mia
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Alexander Wüstenstar

Beitrag von Mia »

Alexander Wüstenstar

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Nun, du bist wieder aufgebrochen. Du bist aufgebrochen zu deiner letzten großen Wüstenwanderung.

Die Bilder einer phantastischen Wüstenwanderung steigen in meiner Erinnerung auf und sie treffen mich mit der klaren Reinheit der Wüste. Als 2010 der „Arabische Frühling“ ausbrach, schlossen sich nach und nach die meisten Tore für den Europäer für Nordafrikareisen und es war nahezu unmöglich geworden, mit dem eigenen Fahrzeug oder zu Fuß oder sonst wie, ohne Führer- und/oder militärische Begleitung, in die Sahara zu reisen. Alexander und ich entdeckten, dass wir diese unbändige Liebe zur Wüste teilten. Wir beschlossen etwas gegen diesen sandigen Blues zu unternehmen, der zunehmend unsere Wüstenseelen wie ein Sandsturm verdunkelte.

Wir flogen schließlich 14 Monate später nach Djanet/Algerien, wo wir nach ungehörig viel bürokratischem Aufwand für uns eine Spezialtour hatten planen lassen können. Weder Alex noch ich überließen die Organisation unserer Reisen normalerweise jemand anderem und mit entsprechend gemischten Gefühlen waren wir gestartet, hatten einen ganzen kostbaren Tag in Algier herumgehangen und saßen endlich völlig überdreht nachts um 4 Uhr auf dem Flachdach einer algerischen Agentur für Wüstentouren. Verschmitzt grinste Alex in sich hinein, kippte sich einen letzten Schluck hinter die Binde und freute sich diebisch auf den hellen Morgen.

Die erste Etappe fuhren wir mit dem Auto aus der Stadt und waren froh, endlich von der Teerstraße in die Piste abzubiegen und aussteigen zu können, um die letzten Kilometer zum ersten Nachtlager in der Wüste zu Fuß zu laufen. Als wir es unterhalb einer schönen großen Düne sahen, forderte Alex mich in kindlicher Lebensfreude zum Wettlauf heraus. Er hatte die längeren Beine und ich die schnelleren Füße. Wir kamen fast gleichzeitig an. „Ja, ja, Du bist halt doch Alexander Wüstenstar“ keuchte ich und wir fielen lachend in den Sand und waren endlich am Ziel unserer Wünsche. Zumindest für den Abend.

Der älteste Toyota von Djanet schaukelte unser Gepäck von Lager zu Lager. Unsere „Crew“ waren Mitglieder der ortsansässigen Tuareg, sie beäugten uns mit steigendem Wohlwollen und hatten ebenfalls ihren Spaß. Sie verwöhnten uns mit gutem Essen, und unterstützten unsere wüsten Wünsche nach besten Möglichkeiten. Sie wählten immer schöne Lagerplätze aus und wir wurden am Abend mit heißem Getränk und einer süßen Kleinigkeit empfangen. Am Auto war ein aus Gräsern geflochtener Windschutz aufgebaut. Mit einem Teppich, Matratzen und einem Lagerfeuer ausgestattet, verströmte es die Behaglichkeit eines gut eingerichteten Wohnzimmers und die Tage klangen entspannt und friedlich in gemeinsamer Runde aus.

Unbeschwert von lästigem Gepäck haben wir außer unseren Fotoapparaten und Wasser nichts zu tragen und wir haben Muße ohne Ende zum fotografieren und die Wüste in allen Facetten ihrer Landschaft zu genießen. Alexander Wüstenstar zog während unserer Wanderungen weite Kreise durch die Wadis, Dünen und Felsen, um jedes Steinloch auszukundschaften und seinen Drang nach Freiheit, Abenteuer und Weite in der Wüste auszukosten. Entdeckte er bei seinen Exkursionen Werke der Steinzeitkünstler vor Achmed, präsentierte er sie voller stolzer Freude, als würden sie in seiner privaten Galerie die Wände schmücken.

Wir waren gut zu Fuß unterwegs und Alexander scherzte oft über meine Schlappen, die ich statt „festem Schuhwerk“ trug. Er bevorzugte seine geliebten Stiefel, die er nur zum Besteigen von Dünen auszog, was er am Abend ausgiebig kultivierte. Allerdings wurde er bei unserer Begegnung mit einer Hornviper angesichts meiner bloßen Füße eine Spur blasser und fotografierte das Reptil schließlich aus größerer Nähe als ich, da ich mit knirschenden Zähnen lieber einen gesunden Abstand hielt.

Wir nächtigten ohne Zelt unter dem glitzernden Sternenhimmel, der uns viel Gesprächsstoff und die Sternschnuppen der Leoniden bot. Die Leoniden raubten uns den Schlaf, weil wir keine verpassen wollten und stritten um die Wette, wer sie zuerst gesehen hatte. Nebenbei erzählte Alex viel über sein Hobby Astronomie, für das er ebenfalls eine gewisse Leidenschaft hegte, und wir versuchten Sternenbilder zu identifizieren. Während es über den Nachthimmel zischte, hoffte jeder im geheimen auf einen Meteoriteneinschlag in der Nähe. Wir wünschten uns, bestimmte Steine, die wir fanden wären Wüstenglas, obwohl wir es nicht mit nach Hause hätten nehmen können. Genauso wenig wie die Steinwerkzeuge, Reibeschalen und den seltsam, wie eine Ente geformten Stein, von dem Alexander Wüstenstar mit einem Lächeln im Gesicht ganz fest behauptet, es wäre Kinderspielzeug aus der Steinzeit. Wir spannen aus unseren Spekulationen Geschichten, verwarfen sie wieder, nahmen sie gemixt mit unser beider Wissen über die Wüste wieder auf, um völlig neue phantastische Theorien über Steinzeit, Völkerwanderungen nach Europa und Asien, Entwicklung von Kunst und Zivilisation, aufzustellen und landeten bei den Römern in Libyen, ihre Handelsbeziehungen zu den Garamanten, deren einstige Hauptstadt einen Katzensprung in der Nähe unseres Wandergebietes lag.
Diese Freude, wieder in der Wüste zu sein, überstrahlte jeden unserer Tage. Wir waren in der Wüste und die Wüste war in uns. Wir streckten die Hände aus und der Sand rieselte uns durch die Finger. Es war der pure Luxus.

Langsam aber sicher tropfen mir die Augen und ich höre Alex witzeln: Aber, aber … in der Wüste verschwenden wir doch kein Wasser.

Mein sandiger Bruder, ich danke Dir für unsere wunderbare Wüstenreise in das Herz der Sahara. Gehab dich wohl.
Deine staubige Schwester

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Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle. (Karl Popper)
Susanne/Alex
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Re: Alexander Wüstenstar

Beitrag von Susanne/Alex »

Einfach wunderschön geschrieben und beschrieben ❤️, die gemeinsam geteilte Liebe zur Wüste, ach wäre ich nur dabei gewesen..., vereinigt mit ihm, dadurch das gleiche zu sehen, gemeinsam und doch frei, jeder für sich, das in sich aufzusaugen, was beglückt. ❤️
Susanne
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Achim Vogt
Moderator
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Re: Alexander Wüstenstar

Beitrag von Achim Vogt »

Liebe Mia,

das ist in der Tat wunderbar geschrieben. Vielen Dank für diese Erinnerung! Sehr motivierend - allein, dass die Wüste derzeit nur so schwer zu erreichen ist. Dabei wäre sie der ideale Ort in diesen Zeiten, sozusagen Desert Distancing vom Feinsten! Wobei gute Gesellschaft - das zeigt Dein schöner Bericht so eindrücklich - eine hervorragende Ergänzung zum Erlebnis der Einsamkeit sein kann. Gemeinsam einsam sozusagen.

Viele Grüße aus dem Libanon,
in diesem Fall leider das einzige arabische Land ohne Wüste
Achim
Birgitt
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Re: Alexander Wüstenstar

Beitrag von Birgitt »

Mia hat geschrieben:
Sa 6. Jun 2020, 15:40
Langsam aber sicher tropfen mir die Augen und ich höre Alex witzeln: Aber, aber … in der Wüste verschwenden wir doch kein Wasser.
Liebe Mia,

spätestens an dieser Stelle tropfen auch dem Hartgesottensten die Augen. Ein Dankeschön an die "staubige Schwester" für diesen wunderbaren Nachruf. Du hast uns damit nochmal mitgenommen auf eure Reise in die Wüste. Irgendwann - wenn freies Reisen wieder möglich ist - wird vielleicht der ein oder andere von uns in der Nähe des eigenen Nachtlagers Smilies in den Sand zeichnen. So wie Alexander es getan hat ....

Viele Grüße
Birgitt
Mia
Beiträge: 653
Registriert: Di 10. Mai 2011, 11:47

DANKE

Beitrag von Mia »

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Ich möchte mich bei allen für die herzlichen Worte bedanken.

Ein extra großes Danke an Birgitt und Uwe, für ihren Einsatz, das Wüstenschiff auf Kurs zu steuern.

Mia
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Mathilda
Beiträge: 330
Registriert: Sa 31. Jul 2010, 11:20

Re: Alexander Wüstenstar

Beitrag von Mathilda »

Herzergreifend und unfassbar schoen geschrieben.
Danke an dich und auch an Birgitt und Uwe. M.
Mia
Beiträge: 653
Registriert: Di 10. Mai 2011, 11:47

Sind es wirklich 5 Jahre? Alexander Wüstenstar

Beitrag von Mia »

Einige Bilder unserer Reise: Algerien - Eine Reise in die Einsamkeit - zum fünften Todestag von Alex

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Schaut euch diese Landschaft genau an, bis ihr sicher seid,
sie wiederzuerkennen, wenn ihr eines Tages nach Afrika
und durch die Wüste reist.
Und solltet ihr zufällig da vorbeikommen, so habt es bitte nicht zu eilig,
wartet ein bisschen, genau unter dem Stern!
Wenn dann ein Junge auf euch zuschlendert,
wenn er lacht, wenn sein Haar goldblond ist,
wenn er auf Fragen nicht antwortet,
werdet ihr bestimmt ahnen, wer das ist.
Dann seid so lieb!
Lasst mich nicht länger traurig sein:
schreibt mir schnell,
dass er zurück ist.....
-Antoine de Saint-Exupéry-

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Peter D
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Re: Alexander Wüstenstar

Beitrag von Peter D »

Immer noch eine Lücke, er fehlt mir sehr..
Der Mut des Wassertropfens besteht darin, dass er es wagt, in die Wüste zu fallen
Mia
Beiträge: 653
Registriert: Di 10. Mai 2011, 11:47

Re: Alexander Wüstenstar

Beitrag von Mia »

Ein ganz großes DANKE an das Team vom Wüstenschiffforum, das würdig in die großen Fußstapfen von Alex gestiegen ist.

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Albatross
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Re: Alexander Wüstenstar

Beitrag von Albatross »

Ein wenig Sand in den Augen... dann werden die Augen oft feucht
Gruß Albatross
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