Tunesien nach der Revolution

Kultur, Natur, Unterkunft, Reiserouten, Sehenswürdigkeiten, Tourismus Staaten: Marokko/Sahara, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten.

Moderator: Moderatoren

Antworten
Jürgen
Beiträge: 3555
Registriert: Mo 1. Aug 2005, 12:37

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Jürgen »

Mail-Eingang um 19.04 uhr
eben erst gelesen (wg. Dienstende)
Deutsche Botschaft Tunis hat geschrieben:Liebe Landsleute,
wegen des Mordes an Politiker Mohamed Brahmi hat die UGTT für den 26.07. zu einem landesweiten Generalstreik aufgerufen.
Es muss daher mit erheblichen Einschränkungen im öffentlichen Leben (Schließung von Banken, Behörden, Geschäften, Einstellung Nahverkehr) gerechnet werden. Auch die Deutsche Botschaft bleibt am 26.07. geschlossen. Zu erhöhter Wachsamkeit und Verfolgung der lokalen Medienberichterstattung wird aufgerufen.
Reisenden in Tunesien wird generell empfohlen, Menschenansammlungen und Demonstrationen (insbesondere im zeitlichen Umfeld zum Freitagsgebet) weiträumig zu meiden und die örtliche Medienberichterstattung aufmerksam zu verfolgen.

Mit besten Grüßen
Ihre Botschaft Tunis
Jürgen
Es gibt Leute die WISSEN ALLES - es gibt Leute die WISSEN es BESSER - aber am schlimmsten sind die die meinen ALLES BESSER ZU WISSEN!

Mitglied der DTG
Ich war Tot, wurde aber wieder geholt. Gott sei Dank oder leider :!:
Wolfgang K
Beiträge: 2195
Registriert: Fr 25. Nov 2005, 13:50
Wohnort: bei Mainz

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Die Hintermänner der beiden Morde an Brahmi und Belaid sind offenbar die gleichen. Beide Morde wurden mit der selben(!) Waffe begangen.

http://www.businessnews.com.tn/lassassi ... 20,39651,3

Gerüchten(!) zu Folge sollen sich unter den 14 Namen auch 3 recht bekannte Namen befinden.

PS:Was ich mich aber grade frage: Wie kann es sein, dass die gleichen Leute denen man angeblich nicht habhaft werden konnte, weil ja allesamt angeblich nach dem ersten Mord in Algerien untergetaucht sein sollen jetzt wieder einen Mord begehen?
Wolfgang K
Beiträge: 2195
Registriert: Fr 25. Nov 2005, 13:50
Wohnort: bei Mainz

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Liste mit 8 der Beteiligten:



http://www.mosaiquefm.net/fr/index/a/Ac ... politiques

Aus dem Text:
Boubaker Hakim est impliqué dans l'introduction d'armes en Tunisie, il est également impliqué dans l'affaire de dépôt d'armes de Medenine et Mnihla. Ainsi que les armes transportées de Cité El Khadhra en direction de Douar Hicher.
Mate
Beiträge: 132
Registriert: Fr 25. Nov 2005, 17:23
Wohnort: Eisenberg

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Mate »

Hi ,

bin ich der Einzige dem das ganze etwas komisch vorkommt ? Nicht daß ich von den Bärtigen was halte , aber es ergreifen gerade die alten Kräfte die Macht diesmal vom Volk "legitimiert" bzw "gewünscht" , man muß nur das Volk dazu bringen es zu wünschen , aktuelle Oppositionspolitiker sind bestimmt nicht nur den Bärtigen ein Dorn in der Auge , sozusagen zwei strikes mit einem Schlag . Das ganze ist natürlich in Ägypten etwas weiter da hat das Militär auch mehr Macht , schauen mal was als nächstes in TN passiert .
Bin gespannt ob die geplante Tour in Oktober durchführbar ist.
Wolfgang K
Beiträge: 2195
Registriert: Fr 25. Nov 2005, 13:50
Wohnort: bei Mainz

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Hallo Mate,
man muß nur das Volk dazu bringen es zu wünschen
Das ist die Hauptbeschäftigung aller Politiker. Überall.

Ich stimme Dir zu, dass einiges seltsam ist. Erst ermittelt man ein halbes Jahr um dann die Preisgabe der Namen anzukündigen und einen Tag später gibt es wieder einen Mord, von dem man einen Tag später weiß, dass es die gleichen Leute waren. Die Erklärung dürfte eine sehr afrikanische sein.

Nicht nur die Ennahda spielt mit Haken und Ösen. Schuldige an den Morden müssen auch nicht nur Täter oder deren „Auftraggeber“ – wenn es die denn gab – sein. Man kann zu so was auch beitragen in dem man das Klima dazu schafft oder dessen Schaffung zulässt. Das geht über Wegsehen der Sicherheitskräfte über verschleppen von Ermittlungen etc. Die Gelegenheit dazu beizutragen hatten sicher viele. Z.B. wird den Sicherheitskräften – zumindest bis zum Mord an Belaid zurecht – Untätigkeit vorgeworfen wenn es um Gewalttaten von Salafisten ging.
Haben die Sicherheitskräfte als „Unterstützer des Alten Regimes“ gehandelt um die Regierung dumm da stehen zu lassen?
Oder hat die islamistische Regierung durch die schnell installierten eigenen Leute in den Sicherheitskräften ihre „eifrigen Kinder“ gewähren lassen?
Antwort: Ganz sicher Beides.

Grüße
Wolfgang
Alexander
Administrator
Beiträge: 24253
Registriert: Sa 30. Jul 2005, 19:12
Wohnort: Dubai/Vereinigte Arabische Emirate
Kontaktdaten:

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Alexander »

In Gafsa gab es bei Demonstrationen ein Todesopfer. Angeblich wurde der Mann von einer Tränengasgranate getroffen

Tunesien: Krawalle nach Mord an Oppositionspolitiker
In Tunesien hat es bei den gewalttätigen Protesten nach der Ermordung eines Oppositionspolitikers ein Todesopfer gegeben. In der Stadt Gafsa im Süden des Landes kam in der Nacht auf Samstag ein Demonstrant ums Leben, wie zwei Augenzeugen berichteten. Zu den Umständen machten sie allerdings widersprüchliche Angaben. mehr...

Grüsse
Alexander
The one who follows the crowd will usually go no further than the crowd. Those who walk alone are likely to find themselves in places no one has ever been before.

· · · Wüstenschiff-Veranstaltungsübersicht 2026 —> Alle Reise-Events auf einen Blick - Check it out !!!
· · · · · Werde Wüstenschiff-Werbepartner —> Firmen, die Wüstenschiff-Aktionen in Afrika unterstützen
· · · · · · · Geschlossene Gruppen —> Die neue Wüstenschiff-Funktion
Wolfgang K
Beiträge: 2195
Registriert: Fr 25. Nov 2005, 13:50
Wohnort: bei Mainz

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

in La Goulette ist eine Autobombe hochgegangen. Hat aber wohl zum Glück keine Verletzten gegeben.

Der ANC dürfte das WE nicht überstehen. Die meisten Abgeordneten der Opposition haben inwischen ihre Mandate niedergelegt und fordern die Auflösung der Versammlung und Neuwahlen.
Kuno
Beiträge: 9586
Registriert: Mi 3. Mai 2006, 10:21
Wohnort: Dort wo andere Ferien machen.
Kontaktdaten:

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Kuno »

Es gibt jetzt Meldungen, dass Gespraeche ueber eine neue Machtverteilung in der Regierung stattfinden. So wie ich diese Meldungen verstehe, will die en Nahda etwas abgeben... oder man redet mindestens darueber. Ob das ehrlich gemeint ist und zu einer Deeskalation fuehrt oder ob man damit nur Zeit gewinnen will um die Institutionen weiter zu unterwandern (oder mit eigenen Leuten zu besetzen)?
Michael Escher
Beiträge: 587
Registriert: Mi 29. Mär 2006, 16:40
Wohnort: 8623 Wetzikon

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Michael Escher »

Kuno hat geschrieben:Es gibt jetzt Meldungen, ...
Sali Kuno,
wo hast du diese Meldungen gelesen, gehört, gesehen etc. ?
gruss michael
Kuno
Beiträge: 9586
Registriert: Mi 3. Mai 2006, 10:21
Wohnort: Dort wo andere Ferien machen.
Kontaktdaten:

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Kuno »

Michael Escher hat geschrieben:...wo hast du diese Meldungen gelesen, gehört, gesehen etc. ?
Von hier zum Beispiel:

http://www.middle-east-online.com/english/?id=60384
http://uk.news.yahoo.com/tunisia-leader ... ml#sCaRcff
Wolfgang K
Beiträge: 2195
Registriert: Fr 25. Nov 2005, 13:50
Wohnort: bei Mainz

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

In Tunesien hat gestern der Regierungschef Neuwahlen für den 17.Dezember angekündigt. Das dürfte der Königsweg sein um eine Richtungsentscheidung vor einer neuen Verfassung zu erhalten.

In einem SPON Artikel heißt es dazu:
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/r ... 13768.html
Die Front der Regierungsgegner blies daraufhin zum Frontalangriff auf die Nahda-Partei: Diese habe das Erstarken der Fanatiker geduldet und gehöre deshalb entmachtet.
Tatsächlich stimmt das so nicht: Nach der Revolution und dem Umsturz im Januar 2011 hatten radikale Prediger enormen Zulauf, bis zu 500 Moscheen in Tunesien wurden von den ehemals verfolgten Ultrafrommen übernommen. Die Nahda-Partei sah die Abwanderung der eigenen Klientel zu radikaleren Vertretern des politischen Islams als Bedrohung ihrer Machtbasis.



Der ganze Artikel hat den Tenor, dass die Ennahda aus reiner Klugheit einlenke. Das hat mir zu viel einer Opferrolle. Die Konkurrenzsituation ergibt sich nicht aus den Widersprüchen, sondern aus den Gemeinsamkeiten.
Der Begriff „gemäßigte Islamisten“ wird in diesem Zusammenhang gerne verwendet. Damit wird fälschlicherweise suggeriert, dass der Unterschied zu den „radikalen“ Islamisten bei den Zielen lägen. Das stimmt aber nicht ganz. Letztlich sind es nur die unterschiedlichen Mittel um aber die gleichen Ziele mit den gleichen Folgen für die Bevölkerung zu erreichen.
Für diejenigen, die sich in Europa und den USA vor „dem Terrorismus“ fürchten ist diese Unterscheidung in Fleisch und Blut übergegangen: radikal = gewaltbereit = böse / gemäßigt = friedlich = alles ok.
Diese Unterscheidung hilft aber den Tunesiern nicht. Ob sie mit Gewalt oder sozialem Druck unter der Knute der Religiösen gehalten werden spielt eine nachgeordnete Geige, denn das Endergebnis wird für den einzelnen Bürger das gleiche sein.

Anders als in ET ist die Unzufriedenheit nicht nur wesentlich von den wirtschaftlichen Folgen sondern maßgeblich von den anmaßenden Aktivitäten und Rhetorik der Ennahda getrieben. Wenn man die Anhänger der Salfisten umbuhlte war das immer im Tenor: „Wir wollen ja das gleiche, habt Geduld, wir machen das schon.“ Eine Absage an deren Ziele gab es jenseitz der internationalen Pressemikrophone nicht wirklich. Der Wikipedia Artikel über Ghannouchi ist lesenswert.

Die kurzfristigen Neuwahlen des ANC sind eine wirklich kluge Entscheidung um auch die ganze „Legitimitätsdebatte“ endlich zu beenden.
Man kann nur hoffen, dass alle Beteiligten – auch die Opposition – jetzt diese Chance nutzt um jetzt wo alle Karten auf dem Tisch liegen der Bevölkerung die Chance zu geben den zukünftigen Weg zwischen säkularer und religiöser Strömung neu zu justieren und man kann hoffen, dass danach wieder mehr diskutiert als gedroht wird.

Von denen die sich von einer demokratischen Entscheidung nichts erhoffen wird es jetzt aber erhebliches Störfeuer geben.
Ob die Vorkommnisse (8 tote Soldaten bei Hinterhalt) am Chaambi und Thala (Explosion einer Mine) schon dazu zählen kann man nicht sagen.

Grüße
Wolfgang
Kuno
Beiträge: 9586
Registriert: Mi 3. Mai 2006, 10:21
Wohnort: Dort wo andere Ferien machen.
Kontaktdaten:

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Kuno »

Nachdem vor ein paar Tagen acht Tunesische Soldaten auf dem Jebel Chaambi in einem Hinterhalt ermordet wurden, fuenf von ihnen wurde die Kehle durchgeschnitten, geraten die Behoerden immer mehr unter Druck, etwas gegen die Salafisten zu unternehmen. "Roadside Bombings" scheinen ebenfalls zuzunehmen. Schlecht.
Kuno
Beiträge: 9586
Registriert: Mi 3. Mai 2006, 10:21
Wohnort: Dort wo andere Ferien machen.
Kontaktdaten:

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Kuno »

Nach einer Meldung des DZ Innenministers Daho Ould Kablia saidverstaerkt Algerien seine Militaerpraesenz entlang der Grenze zu Tunesien und man tauscht Informationen aus.
Wolfgang K
Beiträge: 2195
Registriert: Fr 25. Nov 2005, 13:50
Wohnort: bei Mainz

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Seit ein par Tagen herrscht ein diplomatischer Streit zwischen DZ und TN wegen der gegenseitigen Vorwürfe:
TN betont immer wieder, dass viele Algerier unter den Terrorosten sind, DZ behauptet, dass das Problem aus TN rüberschwappe. Dabei geht es meist darum nicht das Gesicht zu verliegen: Schuld sind immer die anderen.
DZ hat heute im Norden mehrere Grenzübergänge für den normalen Verkehr geschlossen.

Fest steht, dass in der Grenzregion seit Jahren ein Geschwür wächst, welches weiter ins Land ragt als man das zugeben wollte. Ich denke, dass das Geschwür seit langem grenzübergreifend ist und schon vor Jahren in Algerien angefangen hat.
Wer die tunesischen Medien verfolgt wird feststellen, dass die Meldungen über die Kämpfe am Jebel Chaambi, die beiden Anschläge in der Gegend von Tunis und die Vorfälle in Ettadhamen den größten Teil der Meldungen einnehmen.
Es ist schwer zu sagen ob das alles ein Dammbruch ist oder durch die Flut an Meldungen nur so ausschaut. Unter Ben Ali gab es immer wieder heftige Scharmützel von denen man nur unter der Hand erfuhr. Dennoch glaube ich an eine Zunahme der Vorfälle – auch in der Zukunft. Der ganze Waffenschmuggel der letzten Monate diente ja nicht der Vorbereitung der Jagdsaison.

Grüße
Wolfgang
Wolfgang K
Beiträge: 2195
Registriert: Fr 25. Nov 2005, 13:50
Wohnort: bei Mainz

Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Ich hatte mal orakelt, dass ergendwann zu einem Bruch im islamisten Spektrums Tunesiens kommen würde und daraus "Destruktive Handlungen" entstehen würden.

http://www.tunisienumerique.com/tunisie ... ier/187581

Wenn man diese Äusserungen von AQMI liest ist das genau eingetreten. Ansar Chariaa ist als illegale Organisation eingestuft worden und das wurde heute noch mal betont. Dann meldet sich jemand unter der Flagge von AQMI und möchte "verhandeln". Das ist aber nichts anderes als eine Forderung mit einer Drohung verbunden. Es eigentlich auch keine Drohung mehr sondern eine Ankündigung von Anschlägen.
Antworten