Weil die Ticketpreise bei der U-Bahn erhöht wurden, sind in Chiles Hauptstadt Santiago schwere Unruhen ausgebrochen. Demonstranten attackierten Haltestellen und Verkaufsschalter. Präsident Piñera rief den Ausnahmezustand aus ...
Die ersten Proteste waren vor knapp einer Woche mit Inkrafttreten der Fahrpreiserhöhung von 800 auf 830 Pesos ausgebrochen - umgerechnet eine Erhöhung von vier Euro-Cent. Im Januar hatte es bereits eine Preiserhöhung um 20 Pesos gegeben.
Um wieder Ruhe und Frieden im Land zu bekommen, wurde die Verteuerung der U-Bahn-Tickets ausgesetzt. Ob das reicht? Die Stimmung scheint aufgeheizt, bei Plünderungen eines Supermarkts kamen 3 Menschen in der vergangenen Nacht ums Leben. Die Gewalt ist zuletzt eskaliert. Nachdem am Freitag die U-Bahn-Stationen verwüstet wurden, haben die Demonstranten gestern die Busse angezündet. Der ÖPNV steht somit still. Aber es geht den Demonstranten nicht nur um die Fahrpreise ...
Zum ersten Mal seit der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet, die 1990 endete, patrouillierten Soldaten durch die Straßen von Santiago, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Neben der Fahrpreiserhöhung in Santiago heizte auch eine landesweite Erhöhung der Stromtarife den Unmut der Bevölkerung an. Tausende Chilenen zogen am Samstag zunächst friedlich durch Santiago und andere Städte, um ihrem generellen Ärger über die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen und der großen Kluft zwischen Arm und Reich Luft zu machen. Später kam es zu Zusammenstößen unter anderem vor dem Präsidentenpalast in Santiago.
Viele Chilenen haben die neoliberale Politik ihrer Regierung satt. Die rechte Regierung setzt auf die Unterdrückung durch das Militär ...
Die Handlungsweise des Präsidenten Sebastián Piñera zeigen, dass auch Chile zu den Ländern Lateinamerikas zählt, in denen das Eis zwischen Demokratie und autoritären Tendenzen dünn ist. Statt Dialogbereitschaft zu zeigen und Wege zur gesellschaftlichen Partizipation zu stärken, setzt die Regierung zum wiederholten Male schnell auf Repression durch den Polizeiapparat. Der Einsatz des Militärs im Inneren und die Verhängung der Notstandsgesetze, Polizei sowie Militär großen Handlungsspielraum geben, wirkten in keiner Weise deeskalierend. Dass die noch aus der Pinochet-Diktatur stammenden Gesetze überhaupt angewandt werden, ist eine historische Zäsur [...] Wie in einer Zeitreise fühlen sich viele Chilenen zurück in die dunklen Jahre der Militärdiktatur versetzt. Denn es ist das erste Mal seit Ende der Pinochet-Diktatur, dass Panzer durch die sechs größten Städte Chiles rollen und Generäle der Bevölkerung den Befehl geben, in ihren Häusern zu bleiben.
In Chile kam es erneut zu schweren Demonstrationen.
In Chile hat es neuerlich schwere Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Polizisten gegeben. Zehntausende Menschen versammelten sich am Montag im Zentrum der Hauptstadt Santiago de Chile und verlangten den Rücktritt von Präsident Sebastián Piñera. Dieser schließt seine Demission aus. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein. Polizisten wurden mit Brandsätzen beworfen.
The one who follows the crowd will usually go no further than the crowd. Those who walk alone are likely to find themselves in places no one has ever been before.
„Es geht nicht um 30 Pesos, es geht um 30 Jahre“ – längst wird in Chile die Systemfrage gestellt. Chile war das Musterland, aber vom Wirtschaftswachstum haben nur wenige profitiert. Die Reichen wurden immer reicher und für die sogenannte Mittelschicht wurde das Leben immer teurer. Ihre Eltern, die noch die Diktatur erlebt haben, haben sich vielleicht nicht getraut, dagegen zu protestieren, aber die junge Generation hat die Angst verloren. Die Bilder von den Gesichtern mit blutverschmierten Augenbinden sind zum Symbol geworden für die extreme Polizeigewalt auf Chiles Straßen ...
Gleich zu Beginn der Protestwelle Mitte Oktober hat die chilenische Regierung den Asien-Pazifik-Gipfel im November sowie die Weltklimakonferenz im Dezember abgesagt mit dem Hinweis, man müsse schnellstmöglich die Stabilität im Land wieder herstellen. So einfach scheint das nicht zu gehen. Die Unruhen halten an, im Gegenteil, sie verstärken sich. Der letzte Dienstag soll der bisher unruhigste Tag gewesen sein. Der chilenische Fußballverband hat nun vorzeitig die Saison beendet. Der für April 2020 geplante WM Lauf der Rallye Chile wurde ersatzlos gestrichen. Auch die Silvesterfeuerwerke in der Metropol-Region wurden abgesagt.
Die Menschen in Chile wünschen sich eins: Gerechtigkeit! Und dazu gehört in ihren Augen nicht nur ein Austausch der Regierung, sondern insbesondere auch ein Austausch des derzeitigen Präsidenten. Dass die Verfassung, die noch aus den Jahren von Pinochet herrührt, geändert werden soll, war eines ihrer Ziele. Aber Ziel ist auch, an diesem Prozess mitzuwirken und dies nicht wieder denen zu überlassen, die sie lieber heute als morgen von hinten sehen möchten und die in ihren Augen Verursacher des derzeitigen Dilemmas sind. Und dafür werden sie kämpfen!
Nachfolgend einige Eindrücke aus Chile aus den letzten Wochen
Los Andes, 26.10.2019 | Friedlicher Protest, Volksfeststimmung
Los Andes, 26.10.2019 | Friedlicher Protest mit Musik
Los Andes, 26.10.2019 | Wer Flaggen zur Verfügung hat, schwenkt diese. Egal ob die chilenische Flagge, die Flagge der Mapuche oder des Fußballclubs. Hauptsache es erregt Aufmerksamkeit!
Los Andes, 26.10.2019 | Cacerolazo - Die friedliche Form des Protests! Pfannen, Töpfe und Kochlöffel gehören dazu! Hauptsache es ist laut und scheppert. So verschafft man sich Gehör!
Los Andes, 26.10.2019 | Blütenkranz und Forderung
Los Andes, 26.10.2019 | Banner werden ratzfatz fabriziert
Los Andes, 26.10.2019 | Piñera - Wanted! Die Botschaften sind eindeutig
La Serena, 19.11.2019 | Francisco de Aguirre, vormittags. Auf den ersten Blick ganz normal ...
La Serena, 19.11.2019 | Francisco de Aguirre - Auf den zweiten Blick schauerts einen. Die Statuen sind derzeit entweder kopflos. Oder "blutgetränkt". Oder beides.
La Serena, 19.11.2019 | Francisco de Aguirre - Die Sockel der Statuen ziert das "verwundete-Augen-Symbol"
La Serena, 19.11.2019 | Kaufhaus - zerstört und zugenagelt
La Serena, 19.11.2019 | Eisdiele - zugenagelt
La Serena, 19.11.2019 | Boutique - zugenagelt
La Serena, 19.11.2019 | Innenstadt - beschmiert und zugenagelt
La Serena, 19.11.2019 | Innenstadt - verrammelt. "Viva el Pueblo! La Calle es de Pueblo!" - Es lebe das Volk! Die Straße gehört dem Volk!
La Serena, 19.11.2019 | "No estamos en guerra" - Wir sind im Krieg! An vielen Gebäuden zu lesen!
La Serena, 19.11.2019 | Pflastersteine fliegen. Schüsse fallen. Tränengas liegt in der Luft. Ab ca. 17-18 Uhr bis ca. Mitternacht im Zentrum der Stadt. Täglich!
In Santiago haben sich die Proteste längst ausgeweitet vom Plaza Baquedano/Plaza Italia - nun Plaza de la Dignidad - über die Avenida Andrés Bello bis zum Costanera Center, der größten Shopping Mall Südamerikas
Santiago de Chile, 22.11.2019 | Costanera Center. Verrammelt rundherum. Nur ein Zugang ist offen
Santiago de Chile, 22.11.2019 | Avenida Andrés Bello - Bürogebäude schützen sich
Santiago de Chile, 22.11.2019 | Rental-Car Zentrale von Mitta und Hertz. Unten verrammelt. Die Spiegelglasfassade nun mit Großlochmuster ...
In San Pedro de Atacama ist von Protesten (noch) nichts zu spüren. Business as usual. Ansonsten wird man auch als Reisender unweigerlich mit der derzeitigen Situation konfrontiert. In größeren Orten mehr als auf den Dörfern. Spontane und unregelmäßige Straßensperren sind jedoch auch im ländlichen Bereich beliebte Mittel des Protests. Traveller sollten dies bei der Zeitplanung einkalkulieren
Hier einige Bilder von unterwegs beispielhaft
Paposo, 17.11.2019 | Reste einer Straßensperre (verbrannte Reifen)
Caldera, 17.11.2019 | Reste einer Straßensperre - Die Glasverkleidung der darüber liegenden Eisenbahnbrücke ist aufgrund der Hitzeentwicklung abgeplatzt, der Asphalt verbrannt
Caldera, 17.11.2019 | "por los que perdieron sus ojos. para que puedes ver...." Rache für alle, die ihr Augenlicht durch Polizeigeschosse verloren haben.
Es wird schwierig werden, die Menschen in Chile wieder zu beruhigen! Einzige Gewinner momentan sind die Hersteller von Metall- und OSB-Platten ...
Birgitt hat geschrieben:
Hier einige Eindrücke aus Chile aus den letzten Wochen
Los Andes, 26.10.2019 | Cacerolazo - Die friedliche Form des Protests! Pfannen, Töpfe und Kochlöffel gehören dazu! Hauptsache es ist laut und scheppert. So verschafft man sich Gehör!
Diese Art des Protests mit Töpfen und möglichst metallischen Kochlöffeln hat eine besondere chilenische Tradition, denn die stammt aus Pinochet-Zeiten. Die ist erstens friedlich, zweitens "unauffällig" mit Alltagsgegenständen (siehe auch Hongkong und die Regenschirme) und drittens von entscheidentem Symbolwert wg. der Anspielung auf die heutigen Pinochet-Verhältnisse. Ausgerechnet in der Zeitung "Die Welt" war dazu ein guter Bericht. Ungefähr zu dieser Zeit Ende Oktober, also 2 - 3 Wochen nach Beginn der Proteste in Chile, war ich hier in Karlsruhe auf einem Konzert der Gruppe Chico Trujillo (die kann ich wärmstens empfehlen!), das aufgrund der Lage in der Heimat von sehr vielen Chilenen besucht war und halb zu einer politischen Kundgebung mutierte. Töpfe mit Kochlöffel waren viele dabei, und die im Welt-Artikel erwähnten Lieder (u.a. Bella Ciao) gab's dazu, auch wenn die sonst nicht zum Repertoire gehören.
Gruß, Ralf
Nachtrag, weil gerade gefunden:
So verbanden die Chilenen sogar eine Klassik-Variante des einen bekannten Protestlieds in Symphonieorchesterstärke mit dem Protest.
Die Proteste in Chile dauern auch nach 2 Monaten an. Die Menschen dort lassen sich nicht mehr mit leichtfertigen und in ihren Augen nur dahergesagten Worten der Politiker abspeisen ...
Protestiert wird nicht mehr nur auf der Straße: In Chile haben sich mehr als 200 Nachbarschaftsversammlungen gegründet - hier erzählen fünf Teilnehmer, was sie fordern und wie sie ihr Land verändern möchten ...
Chile steht 2020 vor einem historischen Umbruch: Das Land schreibt seine Verfassung neu. Das neoliberale System könnte abgeschafft werden. Wie bewerten Beobachter den Prozess?
Nun wird auf den Straßen und bei Nachbarschaftstreffen diskutiert: Wie soll Chile aussehen, was erwartet man vom Staat, von der Verfassung? Teils kommen Themen auf, die in der künftigen Verfassung kaum geregelt werden können: das Rentensystem, die Krankenversicherung oder der Mindestlohn etwa [...] Andreas Klein von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Chile fürchtet, dass Erwartungen enttäuscht werden könnten [...] Wie der Prozess ausgeht, ist offen. Im schlimmsten Fall wäre eine Blockade der Verfassung denkbar. Auch deshalb soll es jeden Freitag weiter Demonstrationen geben, als Mahnung. Denn viele Chileninnen und Chilenen hoffen auf mehr soziale Gerechtigkeit, auf soziale Sicherheit und auf eine Lösung im Sinne einer sozialen Marktwirtschaft. Chiles Verfassungsprozess könnte für die gesamte Region Signalwirkung haben.
Mit der Wahl in Chile haben die progressiven Kräfte in Lateinamerika an Boden gewonnen. Die Demokratie in der Region steht trotzdem unter Druck ...
Die Region erlebt eine Kombination aus politischer Polarisierung und Parteienzersplitterung, was häufig dazu führt, dass Präsidenten keine parlamentarische Mehrheit hinter sich haben und eine größere politische Instabilität herrscht [...] Auch Chiles neuer Präsident Boric wird mit Mitte-Links-Kräften verhandeln müssen und mit der Stärke der Rechten im Senat konfrontiert sein, wo sie die Hälfte der Sitze halten [...] In dieser Gemengelage versuchen sowohl die Progressiven als auch die Mitte-Rechts-Bewegungen, sich an neue Rahmenbedingungen anzupassen. Auch in Lateinamerika ist ein ideologisches Klima zu spüren, das traditionelle politische Identitäten in Frage stellt und neue Formen des Nonkonformismus mobilisiert. Diese Entwicklung ist nicht immer leicht ideologisch einzuordnen, hat aber eindeutig das Potenzial, repräsentative Demokratien unter Druck zu setzen.
Nach Massenprotesten hat ein Konvent eine neue Verfassung erarbeitet. Mit ihr könnte das Land neue Standards in der Region setzen ...
Wenn am 4. September Chilenen und Chileninnen über eine neue Verfassung abstimmen, könnte das im Andenstaat den Aufbruch verfestigen, der vor drei Jahren mit einer massiven sozialen Revolte begann [...] Am 4. Juli 2022 nun übergaben die Mitglieder der verfassunggebenden Versammlung den Entwurf einer neuen Verfassung für Chile feierlich an den neuen progressiven Präsidenten Gabriel Boric. Damit löst sich der Verfassungskonvent auf und blickt auf ein Jahr harte Arbeit, aber auch einige Verstimmungen zurück. Zusammen mit einer harten Kampagne der Rechten steht das Schicksal des neuen Verfassungstextes, über den am 4. September in einem erneuten Referendum abgestimmt wird, auf Messers Schneide: Eine Umfrage vom 17. Juli zeigte, dass 37 Prozent für (Apruebo) und 52 Prozent gegen (Rechazo) die Annahme der neuen Verfassung stimmen würden [...] Beide Szenarien – Zustimmung oder Ablehnung – müssen als Aufgabe oder Warnung für die progressiven Kräfte in Chile und in der Region gesehen werden, dass eine demokratische Vertiefung nur mit politischer Durchsetzungskraft einhergeht und es dazu tragfähiger Allianzen bedarf.