Liebe Wüschis,
ich melde mich gesund zurück. Bin zum Wochenende aus der Stadt rausgefahren, ein kurzes Aufatmen nach der Katastrophe vom Dienstag.
Maria, meine Frau, und ich waren etwa 20 Minuten vor der Detonation aus unserer Wohnung zum Sport gegangen. Das war unser Glück, denn im Wohnzimmer wären wir wohl nicht unverletzt geblieben.

- Unser zerstörtes Wohnzimmer
Im Fitnesscenter waren wir etwas besser geschützt, es liegt sozusagen im Windschatten in einem Einkaufscenter. Ich habe zunächst nach Maria suchen müssen, da sie in einem Nebenraum mit großer Glasfront war. Zum Glück ist uns beiden außer ein paar Kratzern nichts passiert. Wir sind über die Nottreppen ins Freie, wo das schiere Chaos ausgebrochen war. Überall verletzte und traumatisierte Menschen.
Wir waren fest davon überzeugt, dass es sich angesichts des gewaltigen Knalls um einen Bombenanschlag (bzw. zwei, denn wir haben zwei Detonationen gehört) in unmittelbarer Nähe handeln musste. Zudem stand über dem zerstörten Einkaufscenter eine gewaltige rote Wolke. Erst auf dem Nachhauseweg (wir können von Glück sagen, dass wir über die Trümmer dorthin kamen) wurde uns die Dimension des Geschehenen langsam bewusst. Kein Haus, dass nicht beschädigt war. Zuhause dann die Besichtigung der Schäden, Einpacken des Allernötigsten und der Versuch, zu Marias Eltern in den Vororten zu gelangen.

- Eines der beiden zerstörten Garagentore unseres Gebäudes
Uns ist es vergleichsweise gut ergangen. Andere hatten nicht so viel Glück, Freunde sind verletzte, im weiteren Umfeld wissen wir bisher von acht Toten. Eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft ist gestorben, die Frau des holländischen Botschafters, dessen Wohnung in einem Hochhaus ich von einem Mittagessen kenne, am Samstag. Jeden Tag gibt es eine Hiobsbotschaft: die dreijährige Enkelin eines Freundes, die durch die Wohnung geschleudert wurde und starb, die beste Freundin einer Arbeitskollegin von Maria, die in ihrem Auto vor den Augen ihrer beiden Kinder starb. Besonders tragisch die Geschichte eines Covid-Patienten, der aus Afrika evakuiert worden war und im zerstörten St.-Georges-Krankenhaus mit 16 anderen, darunter fünf Krankenschwestern und Ärzten, starb.
Das alles wird schwer zu verarbeiten sein. Aber es wird gehen. Und Beirut wird wieder auferstehen wie die Katze mit den sieben Leben - nur das davon schon seit langem mindestens sechs verbraucht sind. Auf die Politik ist wenig Hoffnung zu setzen, der Lichtblick sind die unglaublichen jungen Menschen, die in Bussen selbst aus Baalbek und Tripoli nach Beirut gekommen sind, um mit ihren inzwischen legendären Besen die Trümmer wegzufegen. Hier deshalb ein paar Eindrücke vom Freitag Nachmittag aus den Ausgehvierteln Gemmayzeh und Mar Mikhail, die neben Karantina und Geitawi besonders betroffen sind.

- Pfadfinder, Schulen, Universitäten, private Initiativen, die Aufräumtrupps kamen aus allen Bereichen
Kommen gleich noch ein paar Bilder ...
Viele Grüße
Achim