Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

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Josef al Nemsawi
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Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von Josef al Nemsawi »

Lieber RogerTecumseh, liebe Leute,

Ein Satz ist mir besonders aufgefallen
Kämpft das System mit allen Mitteln um den Erhalt der Macht?

Diese Frage würde alleine schon Abhandlung bedingen.
Doch wie ist es mit wenigen Sätzen zu beschreiben?
Zuerst ist klar festzustellen, dass sich nirgendwo auf der Welt, Machthaber vom Futtertrog vertreiben lassen wollen. Da macht auch Syrien keine Ausnahme.

Zuerst zu den unterschiedlichen Diktionen über die Gesellschaftsform Syriens

Syrien ist weder eine Diktatur, wie es im Westen immer behauptet wird, noch eine Präsidialrepublik, wie es die Syrer gerne behaupten.
Syrien ist nichts weniger als eine Oligarchie.
Einige Wenige herrschen und teilen sich die Wirtschaft untereinander.
Bis vor dem Putsch Hafez Al Assad war die den Schiiten zuzählende Religionsgruppe der Aluiten eine unbedeutende und sehr arme Bevölkerungsschicht. Durch die Machtübernahme durch Hafez Al Assad kamen Teile der Aluiten zu Wohlstand, die Familie Assad und deren weiteren Familienangehörige wie Makhlouf wurden durch Lizenzvergaben (Monopolisierung) reich.

Natürlich konnten einflussreiche sunnitische Bevölkerungsteile nicht ausgegrenzt werden, so dass auch diese in die Riege der Reichen aufstiegen.
Kleinunternehmen in Wirtschaftszweigen, welche von den großen Clans als uninteressant betrachtet wurden, konnten sich ein „bürgerliches“ Leben einrichten.

Die Einnahmen aus den früher reichlich fließenden Ölförderungen gingen zur Gänze an den Assadclan.

In diesem Sinne betreibt Syrien eine national gesehen aggressive Wirtschaftspolitik.

Da diese Machtstruktur über Jahrzehnte durch Druck von Oben für Ruhe im Land sorgte, sehen sich die Machthaber nun einer Welle von Demonstrationen gegenüber hilflos.

Wie kam es nun zu dieser Unzufriedenheit in Syrien?

Syrien versuchte am internationalen Markt zu partizipieren, genau genommen an der Union der Mittelmeeranreinerstaaten.
Um an dieser Union teilnehmen zu können haben Frankreich und Deutschland Forderungen gestellt, welche zur Unzufriedenheit der syrischen Bevölkerung führte.
Hauptforderung war, dass Syrien seine Löhne und Gehälter an die Europäische Union angleicht, was zwar vordergründig eine richtige Forderung wäre. Da aber die Preisgestaltung in Syrien mit einem Einkommen von ca. US$ 200.- pro Monat ein gutes Leben ermöglichte, war diese Forderung kontraproduktiv.
So wurden die staatlichen reglementierten Preise schrittweise angehoben.
Beispiel:
1 Liter Diesel (auch als Heizöl verwendet) wurde in einem ersten Schritt von SYP 7,20 (etwa 11 €Cent auf SYP 25 (€Cent 40) angehoben. Dafür zahlte die Regierung jedem, der im Besitze eines Familienbuches ist SYP 15.000 einmalig. Familienbuch heißt, dass alle die in einem Haushalt eingetragen sind, also auch Eltern und Großeltern zusammen diesen Betrag erhielten. Der Strom, bislang einen Kilowatt Fixpreis betragend nunmehr abhängig von der Konsumation progressiv ansteigend verrechnet wird.
Gleichzeitig wurden auch die Löhne der Staatsangestellten erhöht.

Beschäftigte am freien Arbeitsmarkt blieben weitgehend unberücksichtigt.

Dies trieb die relativ große Masse an saturierter Mittelschicht in die Armut.

Diese sehr einschneidenden Maßnahmen legten die Basis für erste Unruhen, welche dann in der Verhaftung von Jugendlichen in Daraa gipfelte. Diese Jugendlichen wurden dann unter Anordnung des Polizeischefs von Daraa gefoltert. Man wollte herausbekommen, wer den Jugendlichen den Auftrag gegeben hat, regierungsfeindliche Losungen an die Wände zu sprühen.

Als die Eltern der Inhaftierten deren Herausgabe verlangte, ließ der Polizeichef auf die Leute schießen. Diese Tätigkeit verrichtete der Geheimdienst.

Darauf kam es zu den ersten Demonstrationen gegen die Regierung. Eine Abordnung der Regierung bereiste Daraa und nahm die Forderungen der Bevölkerung entgegen. Die wesentliche Forderung war die Absetzung des Polizeichefs und dessen Verurteilung durch ein Gericht. Nun gehört aber der Polizeichef zum Clan des Präsidenten. So wurde dieser zwar abgesetzt, aber bislang nicht einmal angeklagt

Damit stehen wir vor einem weiteren Dilemma der Machthaber. In arabischen Ländern gilt der unbedingte Schutz der eigenen Familie.

Wie meine Zeilen auszudrücken scheinen, ist dieser Aufstand ein innersyrisches Problem, wenn da nicht der Einfluss von außen wäre.

Die USA versucht seit 2005 kontinuierlich die Lage in Syrien zu destabilisieren.
So wurde Studenten von der amerikanischen Botschaft angeboten, in den USA zu studieren. Allerdings nur ein einziger Studienzweig. Die dafür notwendige Aufenthaltsgenehmigung erstreckte sich ausschließlich auf die Zeit des Studiums von 1 ½ Jahren. Es ist eigentlich nur ein College und soll die Menschenrechte vermitteln.
Nach dem Studium haben die Studenten unverzüglich in ihre Heimat zurück zu kehren.
Beruflich können die Absolventen mit diesem Studium überhaupt nichts anfangen, denn selbst bei der UNO wird dieses Kurzstudium nicht anerkannt. Dort ist das Minimum ein komplettes Jusstudium.
Was also ist der Sinn dieses Studiums?
Zur gleichen Zeit bietet aber der syrische Staat im Rahmen des Jusstudiums ein bezahltes College in Genf in der Zentrale der UNO, wo ebenfalls die Menschenrechte im Vordergrund stehen, vermittelt werden.

Alleine im letzten Jahr hat der CIA (nach eigenen Angaben) 6 Mio. US$ für die Unterstützung von Oppositionsgruppen verwandt.
Bis auf einige wenige Exilsyrer ist den Demonstranten in Syrien völlig unklar wohin ihre Demonstrationen zielen.

Dieser Aufstand ist nicht vom Wunsche konkreter Veränderung getragen, es fehlt an Visionen über die Zukunft. Losungen, welche bei Demonstrationen durch die Straßen schallen sind im Wesentlichen zwei an der Zahl.
1. Syrien, Gott und Freiheit (Von Demonstranten gerufen, welche gegen die Regierung demonstrieren.
2. Syrien , Beschar, und Gott. (Von Regierungsbefürworter gerufen).

Diese Losungen zeigen, dass es bei den Oppositionsgruppen oder auch bei der Regierung keine weiter führende Programme gibt, welche zukunftsweisend sind.

Die Machtstruktur wie sie sich im Augenblick darstellt:

Da gibt es zum einen das Militär, welches alleine dem Präsidenten unterstellt ist.
Zum Zweiten gibt es die Geheimdienste, 15 an der Zahl. Die Mitarbeiter werden aus den Reihen des Militärs rekrutiert. Doch agieren die Geheimdienste autonom und sind dem Präsidenten nicht weisungsgebunden.
Dann gibt es da noch eine kleine aber wirksame Gruppe, deren Herkunft unbekannt ist. Es handelt sich dabei um Heckenschützen, welche entgegen dem Präsidialbefehl handeln und bei Demonstrationen gezielt Demonstranten in den Kopf schießen. Diese Gruppierung wird von der syrischen Bevölkerung eindeutig als nicht zum Militär gehörig zugeordnet. Da gibt es Meinungen, dass reiche Syrer den Clan der Aluiten stürzen möchten und mit diesen Scharfschützen die Volksmeinung gegen den Präsidenten drehen möchten. Andere wieder sind der Meinung, dass es sich bei diesen Heckenschützen um zwar arabische, aber dennoch ausländische Söldner handeln soll.
In den letzten Tagen hat sich och eine weitere Gruppe gebildet, welche sich in Jissr Shughur zusammen gezogen haben. Diese Gruppe soll aus 30.000 bewaffneten Männern bestehen, welche sogar im Besitz von Panzerfäusten und ähnlichem Kriegsgerät seien.

Diese richteten eigene Checkpoints ein und kontrollieren Passanten. Es ist das erste Mal, dass durch diese Gruppierung Andersgläubige drangsaliert werden, was angeblich, wie berichtet wird, sogar bis zur Ermordung führen soll. In Jissr Shughur sind bis jetzt etwa 130 Soldaten zu Tode gekommen.
Was so berichtet wird, sollen bis jetzt 17 Panzer zerstört worden sein. Diese Infos stammen nicht aus Regierungsmedien, diese würden nie zugeben, dass es den Aufständischen gelungen wäre einen syrischen Tank zu zerstören. Diese Infos stammen aus Meldungen, welche unter der Hand kolportiert werden. Die Panzer sollen mit „Pazookas“ eliminiert worden sein. Darüber berichten seltsamer Weise keine Medien, wo diese doch sonst sofort alles zu wissen vorgeben.

Das bringt mich eigentlich übergangslos zu Al Jazzera international. Die Meldungen in Al Jazeera international unterscheiden sich seltsamer Weise von den Meldungen in arabischer Sprache. Warum?

Hier vermute ich einmal, dass auch hier gilt wes Brot ich ess des Lied ich sing.

Vielleicht sollte man sich in diesem Zusammenhang auch die Frage stellen:
Wieso sind die Journalisten bei Al Jazeera international fast ausschließlich Amerikaner?

Da drängt sich mir auch die Frage auf, warum man Beshar al Assad anlässlich seines Österreichbesuches so hofiert hatte, hat es damals noch keine politischen Gefangenen gegeben? Konnten die europäischen Journalisten damals keine Unterdrückung des syrischen Volkes erkennen?

Genug der scheinbaren Polemik.

Bis zum heutigen Tag würde ich sagen, dass dieser Aufstand nicht wirklich vom Volk getragen wird. Reformen ja, aber der Präsident soll bleiben.

Allerdings drängt sich mir der Verdacht auf, dass Beshar al Assad nicht die Stärke hat, welche man ihm zuschreibt, bzw. dass er nur ein Aushängeschild für die eigentlichen Machthaber ist. Dafür spricht auch, dass er seit Ausbruch der „Krise“ wie es offiziell heißt, nur zwei Mal im Fernsehen auftrat, was wohl auch nicht dem Machterhalt zuträglich ist.

Ich hoffe, ich konnte zu deiner Verwirrung beitragen, damit ich nicht alleine mit diesem Dilemma da stehe.

Jetzt noch ein Nachtrag zu meinem vorigen Posting.
Die Ortschaft in der ich wohne umfasst etwa 50.000 Einwohner.

Solltest du, lieber Roger TehCumseh

Dich vor Ort umsehen wollen, so lade ich dich auf ein paar Tage nach Damaskus ein.
Gerne kannst du bei mir wohnen, sofern du keine großen Ansprüche stellst.

Liebe Grüsse

Josef al Nemsawi
schu achbar ?

Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von schu achbar ? »

Sehr interessanter Beitrag , Josef.
Vielen Dank dafür.
Kuno
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Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von Kuno »

Josef; danke fuer deinen Beitrag. mindestens fuer mich enthaelt er viele Aspekte, die ich den aktuellen Medienberichten bisher nicht entnehmen konnte (ich gebe aber auch gerne zu, dass Syrien nicht so in meinem Fokus liegt wie zB. Libyen).
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Achim Vogt
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Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von Achim Vogt »

Lieber Josef,

danke für Deinen wirklich wichtigen Beitrag! Jetzt sind wir in der Diskussion wieder auf der richtigen Fährte!

Viele Grüße
Achim
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Achim Vogt
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Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von Achim Vogt »

Man kann über Jürgen Todenhöfer sagen und denken, was man will, aber diese Reportage ist wichtig und kann - inscha'allah - ein kleines Mosaiksteinchen in das große Puzzle Syrien einfügen, in dem so viele andere Teile noch fehlen.

Die Kirschen aus Daraa
aus: ZEIT Online vom 9. Juni 2011

Viele Grüße
Achim
Birgitt
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US-Student outet sich als syrische Bloggerin

Beitrag von Birgitt »

Ein US-Student hat sich als der Verfasser der Interneteinträge eines von Tausenden verfolgten Blogs geoutet, in dem angeblich eine junge Frau aus Damaskus über das tägliche Leben und die Unruhen in Syrien schrieb. Der in Schottland lebende Tom MacMaster entschuldigte sich am Sonntag dafür, dass er im Netz als "Amina Abdallah Arraf" auftrat und vorgab, die "Gedanken einer syrischen Lesbe über das Leben, das Universum usw." zu verbreiten ...

US-Student outet sich als syrische Bloggerin
13.06.2011 - AFP

Ein merkwürdiger Joke ...

Gruß
Birgitt
Zuletzt geändert von Birgitt am Mo 13. Jun 2011, 14:14, insgesamt 1-mal geändert.
Kuno
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Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von Kuno »

Hmmmm. Wenn unsere Medien solche Meldungen bringen, dann koennte es ja auch sein, dass nicht alles, was sie sonst ueber Syrin vermelden Luegen sind. Oder ware das dann auch schon wieder eine Luege?
Roger-Tecumseh
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Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von Roger-Tecumseh »

Josef al Nemsawi hat geschrieben:
Sa 11. Jun 2011, 11:05
Die Einnahmen aus den früher reichlich fließenden Ölförderungen gingen zur Gänze an den Assadclan.
In diesem Sinne betreibt Syrien eine national gesehen aggressive Wirtschaftspolitik.

Da diese Machtstruktur über Jahrzehnte durch Druck von Oben für Ruhe im Land sorgte, sehen sich die Machthaber nun einer Welle von Demonstrationen gegenüber hilflos.

Wie kam es nun zu dieser Unzufriedenheit in Syrien?

Syrien versuchte am internationalen Markt zu partizipieren, genau genommen an der Union der Mittelmeeranreinerstaaten.
Um an dieser Union teilnehmen zu können haben Frankreich und Deutschland Forderungen gestellt, welche zur Unzufriedenheit der syrischen Bevölkerung führte.
Hauptforderung war, dass Syrien seine Löhne und Gehälter an die Europäische Union angleicht...

Diese sehr einschneidenden Maßnahmen legten die Basis für erste Unruhen,

Wie meine Zeilen auszudrücken scheinen, ist dieser Aufstand ein innersyrisches Problem, wenn da nicht der Einfluss von außen wäre.

Die USA versucht seit 2005 kontinuierlich die Lage in Syrien zu destabilisieren.

Dieser Aufstand ist nicht vom Wunsche konkreter Veränderung getragen, es fehlt an Visionen über die Zukunft. Losungen, welche bei Demonstrationen durch die Straßen schallen sind im Wesentlichen zwei an der Zahl.

Diese Losungen zeigen, dass es bei den Oppositionsgruppen oder auch bei der Regierung keine weiter führende Programme gibt, welche zukunftsweisend sind.

Bis zum heutigen Tag würde ich sagen, dass dieser Aufstand nicht wirklich vom Volk getragen wird. Reformen ja, aber der Präsident soll bleiben.

Ich hoffe, ich konnte zu deiner Verwirrung beitragen, damit ich nicht alleine mit diesem Dilemma da stehe.

Solltest du, lieber Roger TehCumseh

Dich vor Ort umsehen wollen, so lade ich dich auf ein paar Tage nach Damaskus ein.
Gerne kannst du bei mir wohnen, sofern du keine großen Ansprüche stellst.

Liebe Grüsse

Josef al Nemsawi

Danke fuer den Versuch, ein sperriges Thema verwirrender Details umfassend darzustellen! :wink:
Syrien nimmt vielleicht weniger wegen der knallharten Ausuebung der Regierungsgewalt (siehe Bevoelkerungsstruktur; Tradition/Sunniten-Schiitten) eine Sonderstellung ein, sondern vor allem auf Grund seiner geographischen Lage. Oligarchie und Nepotismus waren ja auch die Basis in Tunesien/Aegypten vor den revolutionaeren Ereignissen und dennoch verliefen diese Aufstaende ganz anders.
Es ist wohl unbestritten, dass die engen Verbindungen mit dem (schiitischen; nichtarabischen!) Iran - und auch die nie endgueltig behandelte Libanon-Problematik (siehe die eventuellen territorialen Ansprueche Syriens) - hier eine entscheidende Rolle spielen. Der schiitische "Arm" ueber Jordanien bis nach Aegypten (also in den sunnitischen -arabischen -Machtbereich) waere selbst ohne die anscheinend unloesbare Israel-Problematik immer virulent! Es geht - wie ich denke - deshalb vor allem um die seit langem vakante Leitposition in der arabischen Welt, die sich wie immer am Verhaeltnis zu Israel misst! Aegypten hat diese Funktion seit dem Vertrag mit Israel in den Augen der "arabischen Strasse" verloren und taumelte zuletzt am finanziellen Tropf der USA richtungslos durch die fin-de-siècle-Periode des kranken Mubarak.

Die militaerisch und wirtschaftlich unbetrittene Regionalmacht Tuerkei ist der direkteste politische Gegner des Iran - und damit letzlich auch Syriens. Nur wird es ihr - der nichtarabischen Nation - kaum je gelingen, als Fuehrungsmacht innerhalb der arabischen Welt anerkannt zu werden.
Auch die (ehemals ?) sehr enge Kooperation mit Israel brachte der Tuerkei bisher nicht den erhofften politischen Vorteil (etwa Oeffung der EU). In der gesamten Region gibt es also wegen zahlreicher ungeklaerter aussenpolitischer Machtfragen enorme Spannungen. Dies mag erklaeren, warum Syrien eine Schluesselposition einnimmt, die jetzt ihren Ausdruck in grosser innenpolitischer Gewalt von Oben nach Unten sichtbar wird! Es geht eben nicht "nur" um einen Regimewechsel, sondern um die (auch international zu definierende) Zukunft des Landes.

Sicherlich spielen dabei die akuten wirtschaftlichen Probleme eine erhebliche Rolle - jedoch nicht als Ursache, sondern als Anlass. Ein sehr wichtiger Unterschied zur Situation z.B. in Tunesien, wo es tatsaechlich (immer noch!) in einigen Landesteilen ums materielle Ueberleben geht!

Dein Hinweis auf die Mittelmeerunion geht dabei - was Syrien betrifft - in die Irre. (Diese "Union" ist bislang nicht mal ein Schneewittchen, welches den weckenden Kuss erwartet, sondern nur eine Fata Morgana, von Sarko als Gegengewicht zur Osterweiterung der EU reaktiviert und auf den Teppich gehoben.) Wenn Du Dir die Absichtserklaerungen zum Beitritt durchliest, dann wird dort nirgends eine zu erfuellende konkrete wirtschaftliche Vorbedingung gestellt, wie Du sie postulierst. Es geht immer nur um angestrebte "Harmonisierung"! (Solltest Du gegensaetzliches Material darueber haben, wuerde es mich interessieren!) Alles andere waere - betrachtet man den wirtschaftlich heteromorphen fraglichen Raum - sowieso illusorisch. Man kann also sicher nicht die inneren Lohnveraenderungen Syriens mit der nebuloesen Mittelmeerunion verbinden und damit - nicht ohne Subtilitaet :) - auch hier auslaendisch verderbliches Wirken als Erklaerung fuer Regierungsbrutalitaet anfuehren.

Deinen Hinweis auf die fehlende, politisch richtungsweisende, Programatik bei den Demonstranten trifft sicher ins Schwarze! Ihr entspricht unweigerlich die starre Repression, deren Opfer nun weite Teile der Bevoelkerung geworden sind. Der Volkswille wird sich - wie oft in Staaten, deren politische Struktur monolitisch ist - erst im Widerstand gegen das Regime formen und artikulieren. Damit sind schmerzhaft lange Uebergangszeiten vorprogrammiert. Zu hoffen bleibt, dass diese nicht ins temporaere Chaos fuehren!

Danke auch fuer Deine erfreuliche Einladung, der ich bei gegebener Zeit sehr gern folgen moechte! :wink:


Gruesse


Roger-T.
Roger-Tecumseh
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Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von Roger-Tecumseh »

Es ist hier sehr still geworden, doch manchmal spricht eine Stille nicht weniger laut, als Woerter! Hier allerdings offensichtlich besonders gegen falsche Woerter! Ueber Fehler und Dummheiten liess man frueher "Gras wachsen" - im Internet taucht man schweigend ins Vergessen ab! :roll:
arvogel
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Mittlerer Osten: Globaler Kontext

Beitrag von arvogel »

Sehr gute Analysen zur derzeitigen Lage in Syrien und der Region gibt es hier: www.globalresearch.ca
schu achbar ?

Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von schu achbar ? »

""America's Next War Theater: Syria and Lebanon?
Washington's War against the Resistance Bloc
by Mahdi Darius Nazemroaya""

Was ist denn das ?
Da wird ja sogar "marmarita" blass beim Lesen .

Man kann auch das HisbAllah Original haben. Da gibts wenigstens den echten Hassan Nasrallah
http://almashriq.hiof.no/lebanon/300/32 ... hizballah/
arvogel
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Globalresearch

Beitrag von arvogel »

@ schu achbar: Heisst das aufgrund des Namens Mahdi Darius Nazemroaya dass der Beitrag von geringem Wert ist?
Dann stellt sich natuerlich die Frage wer schreibt die wertvollen Beitraege und Analysen?

Uebrigens, Globalresearch.ca wird von Prof Michel Chossudovsky geleited, ein ziemlich bekannter Friedensaktivist in Kanada. Autoren und Insider wie Dr Paul Craig Roberts (who is who 1000 most influencial people) sind auch auf globalresaerch vertreten.

Wie dem auch sei, es duerfte wohl allen klar sein, dass es im Mittleren Osten um etwas mehr geht als um "humanitarian issues" geht.
Josef al Nemsawi
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Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von Josef al Nemsawi »

The Day after

Der Tag danach

Wer die Situation in Syrien verstehen möchte, der muss sich mit der Geschichte auseinandersetzen. Begonnen hat dieser Konflikt bereits mit der „arabischen Revolution“ von 1920 unter der maßgeblichen Führung von Lawrence von Arabien, dem britischen Geheimdienstoffizier.

Die Osmanen mussten sich auf das Gebiet der heutigen Türkei zurückziehen, unter der Leitung des Völkerbundes, der Vorläuferorganisation der heutigen UNO, damals dominiert von Frankreich und Großbritannien, begann die Aufteilung. Von der ehemaligen osmanischen Provinz Großsyrien wurden Palästina und der Libanon im Westen abgetrennt, Jordanien im Süden und im Osten der Irak.

Bei der Trennung wurde auf keinerlei Interessen der Einwohner eines Gebietes Rücksicht genommen. Die Landkarte wurde in einem Büro mit Lineal und Reißbrett neu gezeichnet.

Zwischen Syrien und Jordanien wurde ein dicker Strich gemacht, der von nun an Daraa, eine kleine Bauern- und Handelsstadt, zur Grenz- und Provinzhauptstadt erhob.

Bereits 1952, als der Einfluss Israels in den USA stark anstieg, erstellte der CIA einen neuen Teilungsplan, um eventuelle Übergriffe auf Israel zu verhindern.
Unter der Bushregierung ließ Condoleezza Rice den alten Teilungsplan verändern, und die USA begann den neuen Teilungsplan umzusetzen. Den Anfang machte man im Irak. Dort ist der Teilungsplan bis auf die Neustaatenschaffung bereits abgeschlossen.

Bereits seit Jahren subventioniert die USA Oppositionsgruppen, nach eigenen Angaben mit etwa 6 Mio. US$ jährlich, um die Unzufriedenheit zu schüren. Unbestätigten Meldungen zufolge sollen die Jugendlichen in Daraa im Auftrag und gegen Geld regierungsfeindliche Losungen an Hauswände gesprüht haben. Darauf lieferte der Geheimdienstschef von Daraa eine unentschuldbare Tat. Er ließ die Kinder inhaftieren. Dies führte zu breiten Protesten in der Bevölkerung, was in den Forderungen nach Absetzung des Geheimdienstchefs und Verurteilung vor Gericht gipfelte. Der Geheimdienstschef wurde tatsächlich seiner Ämter enthoben, da er aber ein Mitglied der Assadfamilie ist, wurde bislang keine Anklage erhoben. In der Folge kam es zu Auseinandersetzungen, welche zu einem bewaffneten Kampf ausarteten.

Diese Umstände brachten die USA ihren Plänen ein großes Stück näher.

Eine Abspaltung des Südens Syriens liegt genau im Teilungsplan der USA.
Dieser Teil soll in Hinkunft zu Jordanien kommen. Damit verliert Syrien den so genannten Hauran, die Kornkammer des Landes.

Noch während der Auseinandersetzungen in Daraa begannen Demonstrationen in den Küstengebieten Banias, Jableh und Lattakia. Kurze Zeit später überzogen Demonstrationen Homs und Hama bzw. Maarat Numan.

Bei Demonstrationen wurden Demonstranten von Heckenschützen in den Kopf geschossen, in Banias wurde ein syrischer Militärkonvoi angegriffen. Bei diesem ersten bewaffneten Überfall starben sieben Soldaten und drei Offiziere.

Nach bislang unbestätigten Meldungen aus Botschaftskreisen im Libanon legte ein deutsches Schiff mit Waffen in Tarabulus an, nicht jedoch, wie man vermuten könnte, für die Hisbollah bestimmt; diese Waffen sollen dann auf direktem Wag nach Syrien geschafft worden sein.

In Tel Kalakh an der libanesischen Grenze kam es zu ersten Auseinandersetzungen. Dieser Ort ist aufgrund der strategischen Lage seit Jahrhunderten eine Schmugglerstadt. Dort wurden seit den 60er Jahren Waren, welche es in Syrien nicht gab, ins Land geschmuggelt. Nach der wirtschaftlichen Öffnung Syriens beschränkte man sich auf den Diesel- und Waffenschmuggel. Die libanesische und die syrische Regierung ließen die Schmuggler gewähren, da es zwar für Privatpersonen offiziell verboten ist, Waffen zu führen. Da dies aber in der arabischen Gesellschaft tradiert ist, ist dieses Verbot kaum durchzusetzen.

Als die Armee nun den Waffenschmuggel stoppen wollte, kam es zu Gefechten.

Nach Räumung der Waffenlager zog sich die Armee wieder zurück. Wenige Tage später stellt der Geheimdienst fest, dass es in Jissr Shughur zu einem massiven Zuzug von Männern kam.

Als die Armee anrückte, wurden angeblich Panzer der syrischen Armee vernichtet, zwei Hubschrauber wurden abgeschossen. Schon bald gaben die Behörden keine Zahlen der verletzten oder getöteten Soldaten mehr bekannt.

Wenn wir diese Ereignisse mit der amerikanischen „Neuordnung“ vergleichen, dann wird offensichtlich, dass die Orte, in welchen die Unruhen spielen, genau jenes Gebiet abdecken, welches nach dem amerikanischen Teilungsplan später an den Libanon angegliedert werden soll.

Da ist die gesamte Küste von der libanesischen Grenze bis nach Iskenderon, heute zur Türkei gehörig, und im Osten die Nord-Südverbindung Jissr Shughur, nahe der türkischen Grenze gelegen, Maarat Numan, Hama und Homs wieder bis an die libanesische Grenze. Auch dieses Gebiet ist als landwirtschaftlich bedeutend anzusehen.

Was bleibt am Tag danach von Syrien, welches bislang seine 23 Millionen Menschen nahezu selbst versorgen konnte?

Im Süden geht der Hauran, die syrische Kornkammer (Getreide- und Gemüseanbau, Olivenanbau, Obstbau) verloren.

Im Nordwesten fällt die Küstenregion (Gemüse- und Obstanbau, Fleisch- und Milchwirtschaft) weg.

Syrien wird dann zu 4/5 aus Steinwüste bestehen, was bedingt, dass das Land
in keiner Weise lebensfähig sein wird, bzw. dass es gezwungen sein wird, am Tropf des WFP (World Food Program) zu hängen, was der internationalen Gemeinschaft unermessliche Kosten verursachen wird.

Josef al Nemsawi
schu achbar ?

Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von schu achbar ? »

Josef, hast Du irgendwelche seriösen Belege f. einen Teilungsplan ?
Was sollte die jüdische Lobby an der US Ostküste denn davon haben, wenn Assad verjagt wird ? Es kann doch höchstens instabiler , also gefährlicher werden.
Ich glaube da überhaupt nicht dran.
Das ist so wie der Beitrag in dem link von "arvogel" ein schiitischer Abwehrreflex.
Wenn die Aussagen syrischer Christen auf den Demos stimmen was sie da so gehört hätten, dann keimt doch jetzt wieder das Schisma auf.
"Christen nach Beirut, Alaviten ins Grab" oder "Allah verderbe die Alaviten" klingt in der Tat nach Teilungsplan, aber sicher nicht nach einem amerikanischen.
Kann mir gut vorstellen, dass der Gedanken an die Rache für Hama bei den Schiiten für groessere innere Unruhe sorgt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Hama

Nicht missverstehen, ein Assad ist sicherlich das beste für alle Minderheiten dort,
aber diese ganzen Theorien erscheinen mir unrealistisch und einfach ein Ergebnis der Sorgen, die langsam um sich greifen.

Quelle für "Christen nach Beirut......"
online Christianpost, University of Saint Mary /Kansas, 05-05-11.
Quelle für "Allah verderbe die Alav......"
Abigail Fielding Smith; Financial Times,06-11-2011
Roger-Tecumseh
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Registriert: Mi 6. Jun 2007, 16:37

Re: Syrien - Demonstrationen und Proteste - Diskussion

Beitrag von Roger-Tecumseh »

Hallo Josef,

die in Deinem historischen Diskurs aufgefuehrten Details verlangten an vielen Stellen dringend Praezision. Dafuer ist hier - nach meiner Einschaetzung - wahrscheinlich aber nicht der richtige Platz. Trotzdem wenigstens eine unverzichtbare Korrektur zu Deiner Behauptung: "Begonnen hat dieser Konflikt bereits mit der „arabischen Revolution“ von 1920 unter der maßgeblichen Führung von Lawrence von Arabien, dem britischen Geheimdienstoffizier."
Das ist falsch, da sich Lawrence bereits 1918 nach GB zurueckgezogen hatte und alle weiteren Ereignisse (bis auf zwei internationale Konferenzen) - total desillusioniert - nur noch aus der Ferne verfolgte. Er wusste schon seit langer Zeit, dass er fuer die britischen Interessen nur als "nuetzlicher Idiot" fungiert hatte und die Zusicherung der Gruendung eines zentralen arabischen Staates nach dem Krieg nie ernst gemeint war. Interessant ist in diesem Zusammenhang die eigene Einschaetzung seines Wirkens waehrend des WK 1: "
"Hier gibt es keine Lektionen für die Welt... Sie ist voll von trivialen Dingen, zum Teil deshalb, daß niemand die Überreste, aus denen ein Mann eines Tages Geschichte machen könnte, fälschlich für Geschichte hält, und zum Teil wegen des Vergnügens, das ich bei der Erinnerung an meine Beteiligung an dieser Revolte hatte. Wir alle waren überwältigt, wegen der Weite des Landes, des Geschmacks des Windes, des Sonnenlichts und der Hoffnungen, für die wir arbeiteten. Die Morgenluft einer zukünftigen Welt berauschte uns. Wir waren aufgewühlt von Ideen, die nicht auszudrücken und die nebulös waren, aber für die gekämpft werden sollte."

In seiner heutigen Rede argumentiert Baschar al-Assad genau wie Du. Auch fuer ihn sind auslaendische Interessen der Grund der Aufstaende. Warum bietet er dann - wenn auch halbherzig - ueberhaupt demokratische Reformen an? In frueheren Beitraegen hattest Du von innerer Oligarchie und Verarmung (mit dem abenteuerlichen Hinweis auf angebliche wirtschaftliche Forderungen der Mittelmeerunion) in Syrien gesprochen. Auch Teil der auslaendischen Verschwoerung?

Deine Teilungstheorien sind - verzeih die Direktheit - Hirngespinste! Die USA haetten daran nicht das geringste Interesse, da damit ein ueberregionaler Konflikt - mit unberechenbaren Folgen fuer Israel - unvermeidbar wuerde. Abgesehen davon haben die USA ihre Haende zwar in vielen dunklen Geschaeften, sind aber laengst nicht mehr der "Herr der Welt"! (Da Du in Syrien lebst, wirst Du z.B. auch die politischen Verbindungen zu Russland und China kennen, die bislang immerhin eine klare UN-Verurteilung des Regimes verhindert haben!)

Nein, in Zeiten akuter Aufstaende bringt der Blick in die weit entfernte Geschichte leider keine Erklaerungen, sondern nur - wie in Deinem Beitrag - Verschwoerungstheorien!
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