Wichtig an dem SPIEGEL-Online-Artikel ist für Reisende vor allem dieser Absatz:
Nach den massiven Einsätzen hat die syrische Regierung die Grenzübergänge zu Jordanien geschlossen. Betroffen seien die beiden wichtigsten Übergänge Daraa und Nassib, sagte ein hochrangiger jordanischer Diplomat am Montag. Die Nachrichtenagentur Reuters erfuhr aus Behördenkreisen, dass die Schließung der Landgrenze mit dem Großeinsatz der syrischen Sicherheitskräfte in Zusammenhang stehe.
Am Morgen waren Taxi-Fahrer noch von Amman kommend eingereist. Sie berichteten allerdings, dass Demonstranten aus Dera'a die Autobahn blockiert hatten. Vermutlich hängt die Grenzschließung auch damit zusammen.
Die Autobahn von Damaskus nach Beirut und die libanesisch-syrische Grenze waren dagegen nach Berichten von Reisenden heute nachmittag (Ostermontag) ohne Probleme passierbar.
Was soll man glauben? Im Fernsehen rollt ein Panzer gemächlich eine (beliebige) Landstraße entlang, ohne Eile, ein paar Jungs werfen vom Straßenrand aus zwei Steine, der Panzer kullert weiter. Dazu der Kommentar, die syrische Regierung gehe mit brutaler Gewalt und mit Panzern gegen die aufständische Bevölkerung vor.
"Massenproteste im gesamten Land" vermelden Focus und Spiegel, es werden aber immer dieselben drei oder vier Orte genannt.
Es wird die verrammelte Grenze zu Jordanien gezeigt, anschließend tritt eine völlig verschleierte Frau auf, die eben diese Grenze überwunden haben soll und nun heftig die Fäuste schüttelt und schreit.
Ich glaube ja, daß es Proteste gegen das Assad-Regine gibt, aber wenn man keine richtigen Bilder zur Verfügung hat, weil die Journalisten nicht ins Land einreisen oder dort drehen dürfen, soll man halt ohne solche Fakes berichten.
ich weiß auch von anderen Reisenden, die in Syrien waren und von den Auseinandersetzungen nichts mitbekommen haben.
Das hat damit zu tun, dass die Proteste eben noch nicht flächendeckend sind und insbesondere Damaskus und Aleppo, aber lange Zeit auch Hama von den Unruhen verschont geblieben sind. Es ist ebenfalls richtig, dass viele in der Bevölkerung entweder noch zum Regime stehen, oder etwas zu verlieren haben oder aber auch Angst vor einem Wandel haben, weil sie nicht wissen, was kommen wird. Das alles ist normal und menschlich.
Aber bei den Bildern aus Syrien von einem Fake zu schreiben, ist angesichts der bisher mindestens 350 Toten (vermutlich wesentlich mehr) eine Verhöhnung der Opfer, die absolut inakzeptabel ist! Die Bilder stammen von "Syrian Uprising 2011", einer betont sachlichen Facebook-Seite über die Reformbewegung, die die unterschiedlichen Seiten beleuchtet und bei Bedarf auch Fehler einräumt.
Es sind - und da muss ich Dir vorwerfen, dass Du nicht mal die Postings hier im Wüstenschiff richtig gelesen hast - eben nicht immer nur die gleichen drei oder vier Städte: An der Küste sind es die Großstädte Latakia, Banyas und Jablah (in Tartous war bisher eher weniger los), hinzu kommen mehrere kleinere Orte wie Bayda, die hier auch genannt wurden. Die Großstadt Dera'a im Süden hat immerhin 300.000 Einwohner; nahezu sämtliche Ortschaften drumherum sind betroffen, heute war sogar von Bosra (bisher nicht Schauplatz) die Rede. Die Großstadt Homs ist seit längerem dabei. Im Osten gab es Proteste in den größeren Städten Deir ez-Zor, Hassakah und Qamishlie (eine Demo bisher in Palmyra wegen eines Soldaten, der erschossen wurde, weil er sich weigerte, auf Demonstranten zu schießen). In Damaskus sind die Vororte Duma, Harasta und Muadamiya (um nur einige zu nennen) betroffen.
Was bleibt sind Aleppo, wo es bisher verhältnismäßig ruhig ist (außer an der Uni) und Hama (das noch immer traumatisiert ist vom Massaker im Frühjahr 1982, bei dem zwischen 10.000 und 40.000 Menschen ums Leben kamen).
Liebe Uta, ich verstehe, dass Du angesichts Deiner persönlichen Eindrücke verwirrt über die Berichte aus Syrien bist - aber ich verstehe nicht, dass Du Dich zu solchen Urteilen hinreißen lässt.
Ich bitte Dich sehr, auch im Interesse und zum Schutz von Reisenden, die noch durch Syrien durchreisen müssen, wesentlich vorsichtiger bei Deinen Beurteilungen zu sein. Alles andere ist unverantwortlich.
Lieber Achim,
nana! "Verhöhnung der Opfer" lasse ich mir nicht vorwerfen, da hast Du aber eindeutig danebengegriffen. Ich bin sicher blauäugig und habe keine Ahnung, das kannst Du mir gern vorwerfen, aber nicht "Verhöhnung der Opfer" !
Ich habe gesagt, daß die Bilder im Fernsehen absolut nicht zu den Meldungen passen. Mit "fake" meine ich, daß da m.E. versucht wird, ein bestimmtes Meinungsbild zu erzeugen. Wenn ich zum Beispiel eine Gruppe Männer mit einer Syrien-Fahne sehe, ist das für mich nicht unbedingt ein Zeichen des Protestes, denn die habe ich vor der Omayyadenmoschee auch gesehen - bei einer Pro-Assad-Demo. Auch wüßte ich gern, wie es die verschleierte Frau geschafft hat, an Sperrzäunen, Stacheldraht und bewaffneten Wachposten vorbei über die Grenze zu kommen. Es ist bekannt, daß Journalisten gern mal gestellte Bilder/Berichte verkaufen.Es tut mir leid, wenn ich da einfach mißtrauisch bin.
Aber ich möchte hier keinen Steit auslösen; meinen Eindruck von der Lage in Syrien habe ich gepostet, also kann ich mich hier zurückziehen und das Feld den Experten überlassen.
Euch alles Gute!
nach Deiner Erklärung nehme ich den Vorwurf gerne zurück!
Ich glaube aber nicht, dass Du den Medien hier die Verbreitung eines falschen Meinungsbildes vorwerfen kannst. Das Problem mit Syrien ist vor allem, dass das Land so gut wie keine Journalisten mehr hinein lässt.
Die Tatsache, dass die USA die Angehörigen ihres Botschaftspersonals evakuieren und Großbritannien wie Deutschland ihre Landsleute aufgefordert haben, eine Ausreise zumindest zu erwägen, sagt einiges über die angespannte Situation.
Es ist derzeit außerordentlich schwierig, sich ein einigermaßen verlässliches Bild der Lage zu machen, da sich die Meldungen zumindest häufig widersprechen. Die Situation kann zudem an jedem beliebigen Ort innerhalb von Minuten komplett umkippen. Dann ist das Bild eben davon geprägt, an welchem Punkt Du an welchem Ort gewesen bist.
Es bleibt nichts anderes übrig, als aus den vielen Versatzstücken zu versuchen, ein halbwegs stimmiges Mosaik zusammenzusetzen. Das aber kann morgen - und spätestens am kommenden Freitag - schon wieder völlig anders aussehen.
Hier noch ein Video aus Dera'a, das - glaube ich - mehr als deutlich macht, dass die Truppen und Panzer nicht "gemächlich eine (beliebige) Landstraße entlang" gefahren sind (die Bilder und der Ton sind eindrucksvoll und bedrückend genug, auch ohne dass Leichen zu sehen sind):
In Syrien gibt es keine Journalisten, dafür aber Aktivisten, die ihre verwackelten Handyaufnahmen im Internet verbreiten. Die teilweise schwer zu ertragenden Videos strafen die offizielle Darstellung der Ereignisse Lügen, kommentiert Kristin Helberg ...
Syrien steht kurz vor einem Bürgerkrieg, Präsident Baschar al-Assad lässt Regimegegner von Scharfschützen töten und Panzer auffahren. Der einstige Hoffnungsträger hat die Chance auf friedliche Reformen verspielt - mit unabsehbaren Folgen für die ganze Region.
Das AA hat heute die Reise-/Sicherheitshinweise für Syrien verschärft:
Auswärtiges Amt hat geschrieben:Aufgrund der aktuellen Entwicklungen rät das Auswärtige Amt dringend von Reisen nach Syrien ab. Deutschen in Syrien wird dringend die sofortige Ausreise empfohlen, solange dies mit kommerziellen Flügen noch möglich und sicher ist.
Das syrische Regime ist gestern erneut mit aller Härte gegen seine Kritiker vorgegangen. Nach Angaben von Menschenrechtlern waren in der Stadt Dara Schüsse und Explosionen zu hören. Im Internet tauchten Videos aus allen Landesteilen auf, die auffahrende Panzer zeigen. Der UN-Sicherheitsrat konnte sich gestern Abend nicht auf eine gemeinsame Erklärung zur Verurteilung der Gewalt in Syrien gegen die Demonstranten einigen ...
Das syrische Regime geht brutal gegen Oppositionelle vor - europäische Staaten wollten die Gewalt im Uno-Sicherheitsrat verurteilen. Doch sie scheiterten mit ihrem Vorstoß, weil Russland und China blockierten. Der syrische Botschafter triumphiert...
Die USA haben Sanktionen gegen Vertreter der syrischen Führung verhängt. Wegen fortgesetzter Menschenrechtsverletzungen habe US-Präsident Barack Obama einen entsprechend Erlass unterzeichnet, teilte das Weiße Haus mit. Unter anderem seien Mahir al Assad, ein Bruder des syrischen Präsidenten, sowie ein Cousin von den Sanktionen betroffen ...
In Syrien hat die Muslimbruderschaft der Protestbewegung den Rücken gestärkt. In ihrer ersten Äußerung seit Beginn der Demonstrationen gegen Präsident Baschar al-Assad forderten die Muslimbrüder die Syrer auf, ihren Widerstand gegen die autokratische Führung des Landes fortzusetzen ...
Brutal unterdrückt Syriens Präsident den Aufstand. Er lässt schießen, einsperren, foltern. Eines der Opfer ist die 23-jährige Rana. Hier berichtet sie über die schrecklichsten Tage ihres Lebens ...
Wir sind am 30.04. von Jordanien kommend in Syrien eingereist.
Einreise Prozedur wie immer Umstaendlich aber freundlich.
Autobahn nach Damaskus Stellenweise nur Einspurig zu befahren.
Von Grenze bis auf halbem Weg nach Damaskus keine Handyverbindung.
Einige Kontrollposten unterwegs aber immer Durchgewunken.
Weniger Militaer auf den Strassen als in Aegypten vor 5 Wochen.
Campingplatz Kaboun nur mit Taxihilfe gefunden. Stehen als einziges Fahrzeug auf dem Platz.
Im Zentrum Damaskus keinerlei Hinweise auf Demos.
Werden am 3.05 weiterfahren nach Aleppo.
Elke und Guenther Reinwald