Und auch ich denke nach, aber über etwas ganz anderes: Am 21. August 1981 war ich zum ersten Mal an diesem Terminal. Es war damals überhaupt erst mein zweiter Flug, damals ja durchaus etwas Besonderes (der erste Flug war auch besonders gewesen: vor dem Abschluss des Transitabkommens zwischen der Bundesrepublik und der DDR mussten meine Eltern mit ihren beiden Söhnen von Hannover nach Tempelhof den Flieger nehmen, eine BAC1-11 der British European Airways, aus der 1974 gemeinsam mit der BOAC – wer erinnert sich noch? – die British Airways hervorgehen sollte).
Auch ich hatte seinerzeit mein Gepäck durchgecheckt, von Amman über Kairo nach Frankfurt – immerhin alles mit Egyptair. In Kairo angekommen, hatte ich trotzdem ein ungutes Gefühl und traute dem Braten nicht. Nach viel zu langer Zeit tauchte mein Rucksack tatsächlich auf dem Gepäckband auf.
Ich rannte zurück zum Check-In-Schalter und fragte nach der Maschine nach Frankfurt. „Die ist weg!“ erklärte die freundliche Dame am Schalter. „Sind Sie sicher?“ fragte ich zurück, etwas naiv. Umso überraschender ihre Antwort: „Nein, bin ich nicht“, meinte die freundliche Dame, schloss kurzerhand den Schalter und rannte mit mir und meinem Rucksack im Schlepptau aufs Flugfeld, schnappte sich einen Arbeiter und dessen VW-Bus und begann, die einzelnen Egyptair-Maschinen abzuklappern. „Fliegen Sie nach Frankfurt?“ fragte sie ein ums andere Mal, „nein, nach Singapur“ kam es dann zum Beispiel zurück. Die denkwürdige Fahrt endete gefühlt bei der vorletzten Maschine. „Ja, wir fliegen nach Frankfurt“, meinte der Steward an der Flugzeugtür. Da der Gepäckraum bereits verschlossen war, stieg ich mitsamt Rucksack ins Flugzeug, zum Erstaunen der dort bereits sitzenden Mitpassagiere. „Puh“, meinte ich erleichtert zu meinem Sitznachbarn, „ist ja toll, dass die Maschine eine halbe Stunde Verspätung hat!“ – „Warum eine halbe Stunde?“, kam es leicht indigniert zurück, „wir haben anderthalb Stunden Verspätung!“ Ich hatte in meiner Unerfahrenheit übersehen, dass es eine Zeitverschiebung zwischen Jordanien und Ägypten gab. So endete meine erste Reise außerhalb Europas – vor genau 40 Jahren.
Grund genug, die Geschichte dieser Reise außerhalb Europas zu erzählen und noch einmal in Erinnerungen zu schwelgen. Also von Anfang an:
Im Sommer 1981 bin ich seit einem Jahr in der Ausbildung zum Redakteur bei den Dortmunder „Ruhr-Nachrichten“ – „das Beste am guten Morgen“, absolviere ein Volontariat. Über die „Deutsche Verkehrs-Zeitung“ habe ich erfahren, wie viele Lkw nicht nur von Bottrop nach München oder Barcelona fahren, sondern viel weiter. Es gibt Übersichten über Abfahrten nach Südosteuropa, in die Sowjetunion und eben in den Nahen Osten. Vor allem die aufstrebenden Golfstaaten haben einen enormen Bedarf an allen erdenklichen Gütern, um die gerade erst unabhängig gewordenen Länder in atemberaubendem Tempo zu entwickeln. Containerschiffe sind noch selten, die Seereisen dauern einfach zu lange.
Die Lkw-Kolonnen, die auf dem Weg in den Orient sind, kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Schon allein wegen der Löhne der Fahrer gibt es solche Langstreckenfahrten faktisch fast nur noch in den Kaukasus, nach Russland und in die Stans – aber natürlich mit osteuropäischen Fahrern. 1981 war das völlig anders. Viele Jahre später traf ich mich mit der Managerin einer rheinländischen Spedition, um Erinnerungen zu teilen. „Wir sind damals mit Möbellastern bis nach Pakistan gefahren“, erzählte Christine und ich musste an einen Vorfall im Jahr vor meiner Reise denken, der mich auf die Spur der fernreisenden Trucker gebracht hatte und von dem der große Journalist Olaf Ihlau viele Jahre später noch einmal im Bayrischen Rundfunk erzählte:
(Olaf Ihlau im Gespräch mit Hilde Stadler, Bayrischer Rundfunk, BR1, 27.12.2007)Zwei Monate nach der sowjetischen Invasion gab es einen Vorfall mit einem deutschen Spediteur. Der Spediteur Hartke aus Bonn hatte immer die ganzen Transporte für die deutsche Botschaft – z. B. bei einem Botschaftsumzug – abgewickelt: über Teheran und Kabul nach Delhi usw. Es herrschte bereits Aufstandsstimmung auf dem Lande [in Afghanistan, AV], als er wieder einmal für die deutsche Botschaft unterwegs war. Bis vor einiger Zeit war es so gewesen, dass ihm, wenn er mit seinem Bonner Kfz-Kennzeichen aufgehalten wurde, nichts passierte, denn die Westdeutschen durften immer weiterfahren. Sein Unternehmen hatte sich jedoch in jenen Tagen nach Siegburg bei Köln umorientiert. Er musste daher, obwohl er dagegen protestiert hatte, anstatt des Bonner Kennzeichens nun an seinen Lastwagen das Kennzeichen "SU" anbringen. Für die Afghanen sah das natürlich eindeutig nach "Sowjetunion" aus. In diesem Februar 1980 wurde dann sein Lastzug zwischen Kabul und dem Khaiberpass von den Mudschaheddin gestoppt und niedergebrannt. Der Beifahrer, ein Österreicher, wurde erschossen, weil er nicht bereit war, mit in die Berge zu gehen.
Diese Fernfahrer im besten Sinne des Wortes, denke ich, wären doch mal eine tolle Story und eine Reportage wert. Die etwas provinzielle Chefredaktion findet das Thema zwar spannend, will mich aber nicht unterstützen. Also nehme ich Urlaub und mache mich an einem Wochenende Anfang August 1981 auf den Weg nach Århus in Dänemark. Stilecht als Anhalter und eben mit meinem roten Rucksack mit Außengestell. Nach langem Recherchieren und immer neuen Rückschlägen habe ich dort Poul Erik Hansen aufgetrieben, der im Auftrag, aber auf eigene Rechnung und mit seinem eigenen Truck fährt und bereit ist, mich mitzunehmen. Die Geschichte, die ich schreibe, voller Enthusiasmus nach dieser ersten Reise über den engen europäischen Horizont hinaus, ist natürlich viel zu lang – die Redaktion muss sie um die Hälfte kürzen, damit sie überhaupt auf eine Zeitungsseite passt. Aus heutiger Sicht sind viele Formulierungen voller Klischees, manche immerhin lustig, andere heute nicht mehr angesagt. Aber der Originaltext von vor 40 Jahren sei hiermit geteilt.
Fortsetzung folgt!
Viele Grüße
Achim




