Das erste Mal raus aus Europa - Orient 1981 als Beifahrer im Lkw

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Achim Vogt
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Das erste Mal raus aus Europa - Orient 1981 als Beifahrer im Lkw

Beitrag von Achim Vogt »

In diesen Tagen bin ich zum ersten Mal nach anderthalb Jahren wieder auf einer Dienstreise gewesen, natürlich im Nahen Osten. Der Zwischenstopp führte über Kairo, wo ich umständlich zum alten Terminal 1 wechseln musste, von wo eher zweitklassige Airlines starten. Auf dem Rückflug ist der Weg umgekehrt. Ich treffe Evangelos, einen Griechen, der vermutlich schon aufgrund seines Namens gutgläubig ist und sein Gepäck durchgecheckt hat. Das Problem: Evangelos ist von Saudi-Arabien mit dem saudischen Billigflieger Flynas gekommen und will nun mit Aegean weiter in seine Heimat – und das alles mit zwei getrennten Tickets und über Kairo. Ich mache ihm vorsichtig klar, dass ich das nie wagen würde, schon gar nicht über Kairo und deshalb mein aus dem Jemen gekommenes Gepäck vor dem Weiterflug nach Beirut natürlich erst mal abhole und wieder neu einchecke. Das ist umständlich, zugegeben, aber relativ verlässlich. Evangelos wird nachdenklich.

Und auch ich denke nach, aber über etwas ganz anderes: Am 21. August 1981 war ich zum ersten Mal an diesem Terminal. Es war damals überhaupt erst mein zweiter Flug, damals ja durchaus etwas Besonderes (der erste Flug war auch besonders gewesen: vor dem Abschluss des Transitabkommens zwischen der Bundesrepublik und der DDR mussten meine Eltern mit ihren beiden Söhnen von Hannover nach Tempelhof den Flieger nehmen, eine BAC1-11 der British European Airways, aus der 1974 gemeinsam mit der BOAC – wer erinnert sich noch? – die British Airways hervorgehen sollte).

Auch ich hatte seinerzeit mein Gepäck durchgecheckt, von Amman über Kairo nach Frankfurt – immerhin alles mit Egyptair. In Kairo angekommen, hatte ich trotzdem ein ungutes Gefühl und traute dem Braten nicht. Nach viel zu langer Zeit tauchte mein Rucksack tatsächlich auf dem Gepäckband auf.

Ticket Egyptair 1.jpg
Schöne Zeiten: "Echte" Tickets, die Route handgeschrieben!
Schöne Zeiten: "Echte" Tickets, die Route handgeschrieben!

Ich rannte zurück zum Check-In-Schalter und fragte nach der Maschine nach Frankfurt. „Die ist weg!“ erklärte die freundliche Dame am Schalter. „Sind Sie sicher?“ fragte ich zurück, etwas naiv. Umso überraschender ihre Antwort: „Nein, bin ich nicht“, meinte die freundliche Dame, schloss kurzerhand den Schalter und rannte mit mir und meinem Rucksack im Schlepptau aufs Flugfeld, schnappte sich einen Arbeiter und dessen VW-Bus und begann, die einzelnen Egyptair-Maschinen abzuklappern. „Fliegen Sie nach Frankfurt?“ fragte sie ein ums andere Mal, „nein, nach Singapur“ kam es dann zum Beispiel zurück. Die denkwürdige Fahrt endete gefühlt bei der vorletzten Maschine. „Ja, wir fliegen nach Frankfurt“, meinte der Steward an der Flugzeugtür. Da der Gepäckraum bereits verschlossen war, stieg ich mitsamt Rucksack ins Flugzeug, zum Erstaunen der dort bereits sitzenden Mitpassagiere. „Puh“, meinte ich erleichtert zu meinem Sitznachbarn, „ist ja toll, dass die Maschine eine halbe Stunde Verspätung hat!“ – „Warum eine halbe Stunde?“, kam es leicht indigniert zurück, „wir haben anderthalb Stunden Verspätung!“ Ich hatte in meiner Unerfahrenheit übersehen, dass es eine Zeitverschiebung zwischen Jordanien und Ägypten gab. So endete meine erste Reise außerhalb Europas – vor genau 40 Jahren.

Grund genug, die Geschichte dieser Reise außerhalb Europas zu erzählen und noch einmal in Erinnerungen zu schwelgen. Also von Anfang an:
Im Sommer 1981 bin ich seit einem Jahr in der Ausbildung zum Redakteur bei den Dortmunder „Ruhr-Nachrichten“ – „das Beste am guten Morgen“, absolviere ein Volontariat. Über die „Deutsche Verkehrs-Zeitung“ habe ich erfahren, wie viele Lkw nicht nur von Bottrop nach München oder Barcelona fahren, sondern viel weiter. Es gibt Übersichten über Abfahrten nach Südosteuropa, in die Sowjetunion und eben in den Nahen Osten. Vor allem die aufstrebenden Golfstaaten haben einen enormen Bedarf an allen erdenklichen Gütern, um die gerade erst unabhängig gewordenen Länder in atemberaubendem Tempo zu entwickeln. Containerschiffe sind noch selten, die Seereisen dauern einfach zu lange.

Die Lkw-Kolonnen, die auf dem Weg in den Orient sind, kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Schon allein wegen der Löhne der Fahrer gibt es solche Langstreckenfahrten faktisch fast nur noch in den Kaukasus, nach Russland und in die Stans – aber natürlich mit osteuropäischen Fahrern. 1981 war das völlig anders. Viele Jahre später traf ich mich mit der Managerin einer rheinländischen Spedition, um Erinnerungen zu teilen. „Wir sind damals mit Möbellastern bis nach Pakistan gefahren“, erzählte Christine und ich musste an einen Vorfall im Jahr vor meiner Reise denken, der mich auf die Spur der fernreisenden Trucker gebracht hatte und von dem der große Journalist Olaf Ihlau viele Jahre später noch einmal im Bayrischen Rundfunk erzählte:
Zwei Monate nach der sowjetischen Invasion gab es einen Vorfall mit einem deutschen Spediteur. Der Spediteur Hartke aus Bonn hatte immer die ganzen Transporte für die deutsche Botschaft – z. B. bei einem Botschaftsumzug – abgewickelt: über Teheran und Kabul nach Delhi usw. Es herrschte bereits Aufstandsstimmung auf dem Lande [in Afghanistan, AV], als er wieder einmal für die deutsche Botschaft unterwegs war. Bis vor einiger Zeit war es so gewesen, dass ihm, wenn er mit seinem Bonner Kfz-Kennzeichen aufgehalten wurde, nichts passierte, denn die Westdeutschen durften immer weiterfahren. Sein Unternehmen hatte sich jedoch in jenen Tagen nach Siegburg bei Köln umorientiert. Er musste daher, obwohl er dagegen protestiert hatte, anstatt des Bonner Kennzeichens nun an seinen Lastwagen das Kennzeichen "SU" anbringen. Für die Afghanen sah das natürlich eindeutig nach "Sowjetunion" aus. In diesem Februar 1980 wurde dann sein Lastzug zwischen Kabul und dem Khaiberpass von den Mudschaheddin gestoppt und niedergebrannt. Der Beifahrer, ein Österreicher, wurde erschossen, weil er nicht bereit war, mit in die Berge zu gehen.
(Olaf Ihlau im Gespräch mit Hilde Stadler, Bayrischer Rundfunk, BR1, 27.12.2007)

Diese Fernfahrer im besten Sinne des Wortes, denke ich, wären doch mal eine tolle Story und eine Reportage wert. Die etwas provinzielle Chefredaktion findet das Thema zwar spannend, will mich aber nicht unterstützen. Also nehme ich Urlaub und mache mich an einem Wochenende Anfang August 1981 auf den Weg nach Århus in Dänemark. Stilecht als Anhalter und eben mit meinem roten Rucksack mit Außengestell. Nach langem Recherchieren und immer neuen Rückschlägen habe ich dort Poul Erik Hansen aufgetrieben, der im Auftrag, aber auf eigene Rechnung und mit seinem eigenen Truck fährt und bereit ist, mich mitzunehmen. Die Geschichte, die ich schreibe, voller Enthusiasmus nach dieser ersten Reise über den engen europäischen Horizont hinaus, ist natürlich viel zu lang – die Redaktion muss sie um die Hälfte kürzen, damit sie überhaupt auf eine Zeitungsseite passt. Aus heutiger Sicht sind viele Formulierungen voller Klischees, manche immerhin lustig, andere heute nicht mehr angesagt. Aber der Originaltext von vor 40 Jahren sei hiermit geteilt.

Poul Eriks Scania, mit dem es in den kommenden Wochen von Århus in Dänemark nach Jordanien gehen wird.
Poul Eriks Scania, mit dem es in den kommenden Wochen von Århus in Dänemark nach Jordanien gehen wird.

Fortsetzung folgt!

Viele Grüße
Achim
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Achim Vogt
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Re: Das erste Mal raus aus Europa - Orient 1981 als Beifahrer im Lkw

Beitrag von Achim Vogt »

Seit ein paar Stunden funktionieren die sozialen Medien nicht nur in Deutschland, sondern weltweit nicht mehr, das Abendessen aus besonderem Anlass ist auch gegessen und so ergibt sich die wunderbare Gelegenheit zur ersten Fortsetzung.

Bevor es losgeht, noch eine kleine Anmerkung zum Flugticket im ersten Post. Die schon etwas länger Reisenden werden sich erinnern, dass es vor 40 Jahren vor allem die Hin- und Rückflugtickets waren, die sich bezahlen ließen. One-Way-Tickets waren enorm teuer. Ein beliebter Trick – den die Airlines schon seit langem nicht mehr zulassen – war seinerzeit deshalb, den Hinflug verfallen zu lassen und nur das Rückflugticket in Anspruch zu nehmen. Deshalb gibt es hier also ein Hin- und Rückflugticket im Original zu bestaunen.

Die Ruhr-Nachrichten brauchten einige Zeit, bevor die Seite mit der Jumbo-Reportage das erste Mal erschien. Für eine „normale“ Seite war das ein zu exotisches Thema. Aber wenn einmal nur drei Seiten Anzeigen zusammenkamen und eine vierte Seite benötigt wurde, dann kam ein solcher Text zu seinen Ehren. Mit einem Dutzend Lokalausgaben zog es sich aber dennoch ein paar Monate bis ins Frühjahr 1982 hin, bis alle rund 250.000 Abonnenten den Artikel auf dem Tisch hatten.
Öl nach Saudi-Arabien bringen, hört sich so sinnvoll an, wie Eulen nach Athen zu bringen.
So begann der Vorspann der Reportage und so ähnlich ist es ja auch, wenn der Titel der Reportage "Ein 'Jumbo' bringt Öl nach Saudi-Arabien" heißt.


Reportage in den Dortmunder Ruhr-Nachrichten, abgedruckt in den Lokalausgaben zwischen Ende 1981 und Anfang 1982
Reportage in den Dortmunder Ruhr-Nachrichten, abgedruckt in den Lokalausgaben zwischen Ende 1981 und Anfang 1982

Verdammt, da passen wir nicht drunter her. Das Dach der Tankstelle ist ein paar Zentimeter zu niedrig. Mit Müh‘ und Not kommen wir seitlich am ersten Hindernis unserer Fahrt vorbei. Bei der nächsten Zapfsäule haben wir Glück und genug Diesel ist auch da. Während der nächsten Viertelstunde zeigt sich unser Brummi durstig: mehr als 430 Liter strömen in die beiden Tanks rechts und links des Aufliegers. Um randvoll zu tanken, hätten wir sicher noch eine weitere halbe Stunde warten müssen, denn inklusive Reserve fassen die Tanks runde 2000 Liter.
Wer mit einem Truck, so die englische Bezeichnung für Lkw, unterwegs ist, muss sich von Anfang an auf neue Dimensionen einstellen. Das zeigt schon der Blick auf den Tacho: 470.614 km ist unser Tieflader, in der Branche "Jumbo" genannt, in den ersten drei Jahren gelaufen! Weitere 16.000 Kilometer liegen jetzt vor ihm und uns.

Selbstbedienung auf dänisch - 430 Liter Diesel gehen beim ersten Stopp in den Tank
Selbstbedienung auf dänisch - 430 Liter Diesel gehen beim ersten Stopp in den Tank

Losgefahren sind wir in Aarhus, einer Hafenstadt an der Ostküste Jütlands. Um 19.30 Uhr abends sind wir langsam aus dem Hafengelände gerollt, wo wir in den Stunden zuvor geladen hatten. Knapp sechs Tonnen wiegen die Geräte, die für das neue "General Hospital" in Jizan bestimmt sind.

Jizan, das war in den 60er Jahren ein winziges Fischerdorf im äußersten Süden Saudi-Arabiens. Im Zuge von ehrgeizigen Fünfjahresplänen wurde der Hafen rasant ausgebaut, wie vieles im Orient von europäischen, vor allem deutschen Firmen. Außerdem sind ein paar elektrische Geräte mit dabei, die in Bremen auf einen anderen Truck umgeladen werden.

Durch das dänische Festland fahren wir nach Padborg ganz in der Nähe von Flensburg. Hier, abseits der Autobahn, werden nur Lkw abgefertigt. Aus gutem Grund, wie ich bald feststelle, denn die Bearbeitung von Fahrzeugpapieren, Frachtbrief, Durchfahrtsgenehmigungen und Treibstoff-Formularen dauert ein bisschen länger als mit dem eigenen Wagen. Vor allem weil die Prozedur auf beiden Seiten gleich viel Zeit in Anspruch nimmt. Wenn es hier schon so lange dauert, wie wird es dann erst außerhalb Westeuropas werden?

In dieser Nacht kommen wir noch bis Hamburg, wo wir uns drei Stunden Schlaf gönnen. So ganz bequem ist es allerdings nicht, denn wie die meisten Trucker hat auch Poul Erik, mit dem ich nun die nächsten zwei Wochen im Führerhaus sitze, alles Unnötige ausgebaut. In "seinem" Jumbo gibt es nur noch einen Sitz. Den Platz des zweiten nimmt ein großer Kühlschrank ein, auf der Mittelkonsole sind Kocher und Spüle (mit fließend Wasser!) eingebaut. Auch die zweite Schlafstatt ist wegen Platzmangels ausquartiert worden. Improvisation heißt die Devise und so sitze und schlafe ich auf dem Kühlschrank, "weich gebettet" auf meinen dünnen Schlafsack.

Um 4.30 Uhr geht es weiter – ohne Frühstück, ohne Waschen. Immerhin werden wir in Bremen erwartet. Nachdem wir unsere elektrischen Geräte ausgeladen haben, singt der Auflieger mächtig in die Federn. 22 Tonnen Öl in Fässern werden verstaut.

Öl? Für Saudi-Arabien? Richtig, die Saudis haben zwar das Rohöl, Raffinerien für spezielle Ölsorten gibt es aber nach wie vor nicht und so muss beispielsweise unser Turbo-Öl wieder in das Wüstenland zurückgebracht werden; schließlich müssen die Baumaschinen ja weiterlaufen. Und weil alles eine Frage der Zeit ist, werden viele Güter statt mit dem kostengünstigeren Schiff per Lkw in den Orient gebracht.

Die Aufschriften verraten die Spitzenreiter unter den benötigten Gütern: Nahrungsmittel, Maschinen und andere technische oder elektronische Erzeugnisse. Die lustigste Ladung fanden wir an der Grenze zwischen der DDR und der Tschechoslowakei bei einem Engländer, der in seinem Kühlwagen nicht weniger als 272.000 Eier nach Kuwait transportierte, symptomatisch für die Schwierigkeiten in diesen Regionen, denn sicherlich wäre es billiger gewesen, ein paar hundert Hennen herunter zu transportieren.

Mit 42 Tonnen Gesamtgewicht starten wir am Abend in Richtung DDR. Helmstedt und der Berliner Ring sind die nächsten Stationen, dann geht es endgültig Richtung Süden. Der kleine Umweg wird bei einem Vergleich der Treibstoffpreise schnell verständlich. Schließlich säuft der Brummi ganz gehörig. Je nach Laune und Gelände verlangt er zwischen 35 und 50 Liter auf 100 Kilometer!

Im Transit durch die DDR
Im Transit durch die DDR
Transitvisum DDR 05-08-1981.jpg
Devisenerklärung auf schmalem Fuß
Devisenerklärung auf schmalem Fuß

Auf der weiteren Fahrt durch die DDR genieße ich die Rolle des „King of the Road“ in vollen Zügen. Staunende Blicke überall. Ein solches Ungetüm, immerhin 3,75 Meter hoch und mit strotzenden 352 PS ausgestattet, gibt’s im anderen Teil Deutschlands nicht.

Fröhlich winken wir den vielen zurück, die uns zuwinken. Ein Trabant-Fahrer tut das besonders intensiv. Den Grund sehe ich bei einem Blick in den Außenspiegel: Es qualmt! Die Bremse hat blockiert und sich heißgescheuert. Ein bisschen später und der Auflieger hätte Feuer gefangen. Da kann auch die Aufschrift „Unbrennbar“ auf den Ölfässern kaum beruhigen. Gottseidank ist der Schaden bald behoben.

In Dresden müssen wir mitten durch die Innenstadt. Hier machen sich die Nachteile unseres Riesen doch ganz schön bemerkbar. Noch schlimmer wird es ein paar Minuten später. Ein paar Prozent Steigung bringen den so blauäugig aufgestellten Fahrplan gehörig durcheinander. Bei 15 bis 20 Stundenkilometern bleibt die Nadel stehen.

Ab durch die Mitte: Leningrader Straße am Dresdener Hauptbahnhof, heute die St. Petersburger Straße
Ab durch die Mitte: Leningrader Straße am Dresdener Hauptbahnhof, heute die St. Petersburger Straße

Kurz darauf ein viel härterer Schock für den Trucker-Neuling: Runter geht’s genauso langsam. Als ich aber an die 42 Tonnen in unserem Rücken denke, weicht der Ärger dem Verständnis. Die Motor-Bremse verliert bei diesem Gewicht in den höheren Gängen ihre Wirkung fast völlig.

Kurz hinter Dresden windet sich die Straße ins Erzgebirge, dem ersten landschaftlichen Höhepunkt der Fahrt. Durch dichte Wälder fahren wir an manchem Urlaubsort vorbei, der meist von DDR-Volkswagen Marke "Trabant" überflutet ist. An der Grenze erneut lange Schlangen. Alle halbe Stunde kommen wir zwei Lkw-Längen voran.

Für mich ist das eine Gelegenheit, mich mit meinem Reisegefährten Poul-Erik zu unterhalten. Früher ist er Taxi gefahren, aber der Job als LKW-Fahrer ist lukrativer; erholsamer ist er sicher nicht. Schließlich werden die Fahrer pro Fahrt bezahlt und da gilt "Zeit ist Geld" besonders stark. Meist fährt er drei Wochen und bleibt danach eine Woche bei seiner Frau und den zwei mittlerweile schulpflichtigen Kindern. Mehr als eine große Tour im Monat ist bei keinem drin. Aber die Trucker sind sich in einem weiteren Punkt einig: zu Hause sitzt die Frau auf dem Fahrersitz.

Mein Reisebegleiter für zwei Wochen: Poul Erik Hansen aus Århus in Dänemark
Mein Reisebegleiter für zwei Wochen: Poul Erik Hansen aus Århus in Dänemark

Ob eine Fahrt in den Orient für ihn ein Abenteuer ist, will ich von Poul-Erik wissen. "Es ist schon etwas Besonderes, aber ein Abenteuer - nein das ist es eigentlich nicht," meint er, während er an seiner Pfeife zieht. Ein deutscher Trucker fasst es noch kürzer: "Es dauert halt ein bisschen länger." Dass ich eine solche Fahrt freiwillig mitmache, verstehen die wenigsten.

Von der "Goldenen Stadt" Prag sehen wir nur den Staub und das Grau der Vorstädte und Industriegebiete. Die Kamera liegt zwar immer griffbereit, aber eine Besichtigungsfahrt ist so eine Tour eben doch nicht. Auf der Autobahn geht es weiter gen Süden, einem weiteren berühmten Namen entgegen: Bratislava.

Zwischendurch erleben wir unsere erste Polizeikontrolle. Beim Blick auf den Fahrtenschreiber bekommt der Polizist glasige Augen. Poul-Erik hatte nämlich in seiner Freude über das flache Land die zulässige Höchstgeschwindigkeit um über 30 Stundenkilometer überschritten. "Nix verstehen, nix tschechisk money,“ beteuert Poul-Erik immer wieder und zuckt mit Unschuldsmiene die Achseln. Nach einiger Zeit schlägt die Freude des Polizisten in blanke Wut um. Wahrscheinlich hat er sich geärgert, weil er in der gleichen Zeit zwei weniger hartnäckige Fahrer hätte erleichtern können.

Visum Tschechoslowakei 08-1981.jpg
Zurück über den damals "Eisernen Vorhang" von der Tschechoslowakei nach Österreich
Zurück über den damals "Eisernen Vorhang" von der Tschechoslowakei nach Österreich


Fortsetzung folgt!

Viele Grüße
Achim
landcruiser.
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Re: Das erste Mal raus aus Europa - Orient 1981 als Beifahrer im Lkw

Beitrag von landcruiser. »

Bin schon gespannt auf die Fortsetzung!

Die Geschichte mit den Flugtickets und den Transit DDR kenne ich auch noch aus Ende der 70iger/Anfang der 80iger.
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Achim Vogt
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Re: Das erste Mal raus aus Europa - Orient 1981 als Beifahrer im Lkw

Beitrag von Achim Vogt »

Na dann weiter :wink: - und im Voraus meine Bitte um Vergebung an alle österreichischen WüSchis, aber so war es damals nun mal ...
An der österreichischen Grenze erleben wir einen Zöllner in Hochform, allerdings einen der besonders unangenehmen und zeitraubenden Art. Obwohl schon einer seiner Kollegen über eine Viertelstunde unter der Plane verschwunden war und nichts gefunden hatte, befiehlt er uns, die gesamte Plane zu lüften, was uns in der Hitze, die uns schon seit Beginn der Tour treu begleitet, ganz schön ins Schwitzen bringt. Aber kaum haben wir sie oben, dürfen wir sie schon wieder runterlassen. Als ob wir mit der Fahrt nicht schon genug Stress hätten!

In Wien findet der ereignisreiche Tag seinen wohlverdienten Höhepunkt. An einer Baustelle verengt sich die Fahrbahn so stark, dass einer der kleinen Zwillingsreifen über den Bordstein rollt und einmal längs aufgeschlitzt wird. Als wir wenden wollen, befördern wir noch eben eine Baustellenampel in die Waagerechte. Die angerückte Streifenwagenbesatzung muss sich alle Mühe geben, um aus uns – mich eingeschlossen – mit unserem „nix spreche deutsch“ alles Wichtige herauszubekommen.

Am Morgen wird der Reifen in einer Werkstatt ausgewechselt. Als wir weiterfahren, haben wir einen halben Tag verloren.

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Reparatur mit Folgen: Der aufgeschlitzte Zwillingsreifen kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit - einen halben Tag verlieren wir ...
Reparatur mit Folgen: Der aufgeschlitzte Zwillingsreifen kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit - einen halben Tag verlieren wir ...

Über Graz gelangen wir an die jugoslawische Grenze bei Spielfeld, die wir erstaunlich schnell überwinden. Jugoslawiens Norden beeindruckt durch seine fruchtbare Landschaft und die Menschen, die eine rege Bautätigkeit entwickelt haben. Wir treffen viele, die gerade wieder zum Urlaub nach Hause gefahren sind und nun die wenigen Wochen zum Weiterbauen nutzen.

1981 noch eine brisante Aktion, selbst in Europa: Foto von der jugoslawischen Grenze
1981 noch eine brisante Aktion, selbst in Europa: Foto von der jugoslawischen Grenze

Einer gefährlicheren Urlauberspezies begegnen wir auf dem berühmt berüchtigten Autoput. In waghalsigen und leider oft tödlich endenden Manövern überholen die türkischen Lieferwagen, mit Mensch und Gepäck weit überladen, unseren Lkw. Mehrere Male sehen wir total zertrümmerte Wagen, das Gepäck über die ganze Fahrbahn verstreut.

Diesmal ging es gut: Notorisches Autoput-Foto auf dem Transit durch Jugoslawien
Diesmal ging es gut: Notorisches Autoput-Foto auf dem Transit durch Jugoslawien

Auf halber Strecke zwischen Zagreb und Belgrad blockiert die Bremse ein weiteres Mal. Als wir daraufhin einen besonders heißen Reifen wechseln wollen, reißt ein Ventil und der Reifen ist platt. Also Reifen runter von der Felge, neuer Schlauch rein in den Reifen und Reifen wieder rauf auf die Felge. Zwei Stunden schwitzen wir in der Mittagssonne, dann geht die Fahrt wieder weiter. Wir müssen lachen, als wir unsere ölverschmierten Gesichter, Hände und Kleidung begutachten.

Kurz vor Belgrad biegen wir zum Trucker-Treff, dem Hotel „National“ ab, wo wir zum ersten Mal wieder intensiver mit Wasser in Berührung kommen. Ich nutze das nachmittägliche Lkw-Fahrverbot zu einem Abstecher ins Universitäts-Schwimmbad. Hier tobt sich Belgrads Jugend bei heißer Disco-Musik im kühlen Nass aus.

Das Hotel „National“ ist eine der Adressen, die Trucker in- und auswendig kennen. Auch Mitteilungen an die Fahrer werden hier hinterlegt. Der bekannteste aller Trucker-Treffs ist der Camping-Platz „Londra Camping“ in Istanbul.

Wenig romantisch: Trucker-Nachtquartier in Jugoslawien
Wenig romantisch: Trucker-Nachtquartier in Jugoslawien

Unmittelbar nach Belgrad gewinnt die Landschaft an Farben- und Formenreichtum. Und wenn in Niš die letzten „Rennfahrer“ Richtung Türkei abgebogen sind, wird das Fahren fast zur Entspannung. Karge Felsen, tiefe Schluchten und ein reißender Fluss bestimmen das Bild. Die Menschen hier in Makedonien leben unter viel einfacheren Bedingungen als ihre Landsleute im nördlichsten Landesteil Slowenien. Bunte Trachten und Pferdefuhrwerke bestimmen das Straßenbild.

Der winzige Bahnhof von Rajko Zinzifov in Mazedonien
Der winzige Bahnhof von Rajko Zinzifov in Mazedonien


Gar nicht so einfach, auf den alten Spuren zu wandeln. Aber nach langer Suche habe ich den Punkt gefunden, von dem aus ich den Bahnhof von Rajko Zinzifov im heutigen Nordmazedonien fotografiert habe. Er liegt eine knappe Autostunde südöstlich von Skopje an der heutigen A1.
An der griechischen Grenze wird die Hitze fast unerträglich und als wir bei Saloniki die Küste erreichen, kommt eine drückende Schwüle hinzu.

In der Hafenstadt Volos angekommen, wissen wir längst, dass wir die gebuchte Fähre nach Syrien um Längen verpasst haben. Hier ist erneut eine Erklärung nötig. Die zeitlich kürzere und erheblich billigere Fahrt durch die Türkei bleibt uns aus Gewichtsgründen verwehrt, ähnlich ist es in anderen Ländern wie Ungarn.

Da können wir uns glücklich schätzen, dass wir wenigstens die Durchfahrtgenehmigung durch Jugoslawien bekommen haben. Gegenwärtig erteilt Jugoslawien zum Beispiel an Dänemark nur zwei Genehmigungen pro Woche! Aber auch die Bundesregierung bemüht sich gegenwärtig um eine Erhöhung ihres Kontingents, das für 1981 schon jetzt fast erschöpft ist.

Brummi-Parade mit Hochraumkasten VW-Bus am Hafen in Volos
Brummi-Parade mit Hochraumkasten VW-Bus am Hafen in Volos
Doppelter Huckepack - Transporte gebrauchter Fahrzeuge in den Orient machten schon aus Kostengründen Kreativität notwendig.
Doppelter Huckepack - Transporte gebrauchter Fahrzeuge in den Orient machten schon aus Kostengründen Kreativität notwendig.
Die gute alte Drachme - heute fast vergessen ...
Die gute alte Drachme - heute fast vergessen ...

Die Fotos sind leider keine Glanzlichter. Zu neu war das damals alles noch. Das Licht, die Motive, die Traute, nah ans Objekt zu gehen, die Aufregung, nach der Tour auf die entwickelten Filme zu warten. Aber es war die Welt, wenn sie dann da waren.

In diesem Sinn: Fortsetzung folgt!

Viele Grüße
Achim
todo
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Re: Das erste Mal raus aus Europa - Orient 1981 als Beifahrer im Lkw

Beitrag von todo »

hallo achim,
Der bekannteste aller Trucker-Treffs ist der Camping-Platz „Londra Camping“ in Istanbul.
und dann gab es ja auch noch kurz vor ankara das wunderbar verranzte "telex motel ankara", falls das noch jemand kennt. nebst vielen truckern auch häufige anlaufstelle für nepalfahrer.
da wurden im winter gerne mal hemmungslos alte reifen im großen offenen kamin im speisesaal verbrannt...
vielen dank für den wunderbar nostalgischen bericht!

ps: firma hartke habe ich auch oft auf der orientstrecke getroffen.
albrecht willems
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Re: Das erste Mal raus aus Europa - Orient 1981 als Beifahrer im Lkw

Beitrag von albrecht willems »

Nostalgisch..
Noch was dazu...when Lust & Zeit....!
Alles YOUTUBE...
...Dubai road express film full movie in hp
...Truck fleet videos/Astran
...Gibert Hadding middle east pt2 revised
...Convoy to Kazachstan
...Rynart-Trading roadtrans on the russian and kazachstan roads
...Rynart transport trucking & trading
...Rynart trading in central asia
...Old Tahir Pass 1970-2011 40 years after
...04 Erzurum-Tahir-Diesel over the silk road hd video
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Idem....was anderes...
...Sahra tyope DZ
(video 52:07 nov. 12)
...route lumumbashi kinshasa by truck
(bienvenue aux congo)
Viel spass
Gruss
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Re: Das erste Mal raus aus Europa - Orient 1981 als Beifahrer im Lkw

Beitrag von Achim Vogt »

Im östlichen Mittelmeer war früher mehr los, was die Verbindungen in den Orient anging. Die unter Globetrottern berühmteste Fähre war die "Espresso Egitto" der Fährgesellschaft Adriatica, die bis etwa 1993 die Verbindung zwischen Venedig und Alexandria unterhielt, mit Zwischenstopps in Bari, Patras und Heraklion auf Kreta, gelegentlich gab es sogar Stopps in Dubrovnik. Eine andere wichtige Strecke, aber selten für motorisierte Reisende, führte von Piräus über Limassol nach Haifa in Israel (die Verbindung wurde etwa 2003 eingestellt, als sich die politische Situation in Israel verschlechterte). Immer noch spannend die Direktverbindung von Ancona nach Cesme in der Türkei, die immerhin bis 2011 aufrechterhalten wurde. Ungefähr 2001 wurde dann auch die Lkw-Fähre von Volos nach Lattakia in Syrien eingestellt, als die Zeit der echten Fernfahrer zu Ende ging und durch immer größere Containerfrachter und die entsprechende Infrastruktur auch in entlegenen Häfen abgelöst wurde. Ein letztes Aufbäumen gab es schließlich mit der Visemar Line, die um 2010 wieder von Venedig nach Alexandria verkehrte und in Tartous in Syrien einen Zwischenstopp einlegte. Die von der EU geförderte Verbindung einer "Mittelmeer-Autobahn" sollte vor allem landwirtschaftliche Produkte schnell zu den Märkten in Europa bringen. Der Arabische Frühling machte dem im Frühjahr 2011 ein viel zu frühes Ende.

Zurück ins Jahr 1981, den heißen August und nach Volos.
Da auch die nächste Fähre gute zwei Tage Verspätung hat, kommen wir zur ersten Erholung unserer Fahrt, die ich zu Streifzügen in die Umgebung nutze. In einem Bergdorf gibt es unter Bäumen und Lampions und bei Bouzouki-Klängen ein fürstliches Abendessen zu einem geradezu lächerlichen Preis. Noch immer ist vieles in Griechenland spottbillig: sieben Kilometer mit dem Taxi kosten mich knapp zwei Mark, die gleiche Strecke mit dem Bus zurück gar nur 40 Pfennig.

Ein Erlebnis ist der Markt von Volos, wo das Leben erst mit Einbruch der Dunkelheit beginnt. Kirmes und Straßenrestaurants sowie eine Unmenge von Ständen beschäftigen uns einen ganzen Abend. Am nächsten Morgen liegt endlich die Fähre im Hafen, die uns innerhalb von 48 Stunden in eine andere Welt bringt.

Die schwierigste Probe ihres Könnens müssen die Lkw-Fahrer beim Be- und Entladen auf der Fähre zeigen. In drei Stockwerken parken die Hängerzüge, Sattelschlepper, Kühlwagen und Jumbos in wenigen Zentimetern Abstand. Raus geht es rückwärts, was besonders bei Hängerzügen zur Kunst wird und die Kollegen zum kommentierenden Zuschauen reizt.

Dicht an dicht auf drei Etagen - Trucks auf der Fähre
Dicht an dicht auf drei Etagen - Trucks auf der Fähre
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Vorbei an ägäischen Inseln wie Kos und Rhodos, vorbei an der wilden und nahezu unbewohnten türkischen Südküste und vorbei an Zypern geht die Fahrt nach Latakia, dem größten syrischen Hafen. Geschäftiges Treiben empfängt uns im Hafen und buntbemalte syrische Lkw rasen, eine dichte Staubwolke hinter sich herziehend, in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Hafenanlagen.
Jetzt, 40 Jahre später, wird mir erst bewusst, dass ich damals dicht an Gegenden vorbeigekommen bin, die ich viel später auf eigenem Kiel noch einmal besuchen würde. Von Bodrum habe ich 2018 auf die Insel Kos übergesetzt, mit libanesischem Kennzeichen und auf dem Weg zum Umbau meines Pajero in der Schweiz. 2009 war ich schon einmal, mit dem ersten Pajero, auf dem Weg vom Orient nach Europa, damals von Amman nach Berlin. Die erste Nacht habe ich seinerzeit in Lattakia verbracht, im Meridien-Hotel am Meer, das auf dem Foto unten verschwommen im Dunst im Hintergrund zu erahnen ist.


Poul-Erik, in gespannter Erwartung vor Lattakia (im Hintergrund ist im Dunst schwach das Meridien-Hotel zu erkennen
Poul-Erik, in gespannter Erwartung vor Lattakia (im Hintergrund ist im Dunst schwach das Meridien-Hotel zu erkennen
Ankunft im Orient - zum ersten Mal außerhalb Europas
Ankunft im Orient - zum ersten Mal außerhalb Europas

Fast zwei Tage müssen wir warten, Zeit genug, um die Stadt ein wenig kennenzulernen. Einen Basar an sich gibt es in Latakia nicht, dafür eine Unmenge kleiner Läden, in denen vor allem Radios und Fernsehgeräte sowie Uhren aus Japan angeboten werden. Die Qualität der Geräte wird in überwältigender Lautstärke angepriesen. Neben dem Stimmenwirrwarr gibt es einen weiteren bestimmenden Lärmerzeuger – die Hupe. Sie ist fast immer das einzige, was an syrischen Autos funktioniert und das will nun jeder dem anderen beweisen.

Nützen tut sie allerdings wenig, denn fahren tut immer der, der meint, der Stärkere zu sein und da können sich die Syrer allzu oft nicht einigen. In einem solchen Fall ist im Nu eine große Menschenmenge um die beteiligten Fahrer versammelt, die sich den Schaden meist nur kurz ansehen und dann weiterfahren, während die Schaulustigen engagiert weiterdiskutieren und Neuankömmlinge informieren.

Ein Abenteuer ist auch der Gang zur Post. Drei Stunden dauert es, bis die Verbindung nach „Almania“ steht. Das muss besonders schnell sein, denn neben mir dreht ein syrischer Soldat durch, der schon fünf Stunden auf ein Gespräch in die Hauptstadt Damaskus wartet. Für ein Telegramm von sechs Worten will der Beamte zuerst über 20 Mark haben. Ohne Schwierigkeiten kann ich den Preis auf rund 8 Mark senken. Wie sang es Reinhard Mey so schön: „Im Orient muss man handeln“.

Telefonrechnung in Lattakia
Telefonrechnung in Lattakia
Als ich zum Hafen zurückkomme, ist mein Truck weg und mit ihm alle anderen, die ebenso wie wir warten mussten. Zehn Kilometer außerhalb von Latakia wird der Konvoy zusammengestellt, der am Abend in Richtung jordanische Grenze aufbrechen soll. Bis dahin sind glücklicherweise noch ein paar Stunden Zeit. Ein Zöllner nimmt mich mit und so komme ich noch in den Genuss des Elendsviertels von Latakia. Unmittelbar neben dem modernen Bahnhof liegen staubige Gassen ohne Kanalisation, in den Häusern gibt es keine Einrichtungsgegenstände, ein paar kleine Löcher ersetzen die Fenster.

Das einzige, woran im sozialistischen Syrien kein Mangel zu sein schein, ist der Fernseher. Selbst mitten in der Wüste hat jede Hütte eine Antenne auf dem Dach.

Konvoifahren ist in Syrien Pflicht und so brechen wir in der Abenddämmerung in einer unüberschaubaren Schlange von 250 Trucks auf. Die jetzt beginnende Fahrt stellt die auf dem Autoput bei weitem in den Schatten. Die berühmten Brummi-Rennen finden hier auf einer engen, hügeligen und kurvenreichen Küstenstraße statt, was zur Folge hat, dass die entgegenkommenden, noch dazu oft unbeleuchteten Wagen des Öfteren in den Graben ausweichen müssen. Das Ganze hat nur den einen Vorteil, dass wir alle wach bleiben.

Aus heutiger Sicht hat der Konvoi einen ganz eigenen Beigeschmack. Tatsächlich hatte das syrische Regime, damals noch unter Vater Hafez Assad, massive Probleme mit den Muslimbrüdern. Ein Dreivierteljahr nach meiner Tour, im Frühjahr 1982 endete der Aufstand der Muslimbrüder im berüchtigten Massaker von Hama, dem zwischen 10.000 und 40.000 Menschen zum Opfer fielen. Letztlich lassen sich die Aufstände ab 2011 zumindest zum Teil auf das Erbe von 1982 zurückführen. Von alldem ahnte ich damals nichts, über Hama wurde in deutschen Medien so gut wie nicht berichtet.


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Übermüdete Fahrer stellen nämlich im orientalischen Straßenverkehr die größte Gefahr dar. Nicht umsonst begrüßen sich die afghanischen Trucker mit den Worten „Nur nicht müde werden“ und nicht umsonst haben des sich die Araber angewöhnt, bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug kurz aufzublenden.

Nach Mitternacht gewähren uns die begleitenden Militärs drei Stunden Schlaf, beim ersten Morgengrauen geht es weiter Richtung Damaskus, wo wir auf einem Sammelplatz wieder einmal warten müssen. In Damaskus verlassen wir die Ringstraße, um uns mit einem anderen Fahrer zu treffen. Als wir wieder zurück wollen, verirren wir uns, weil nur noch arabische Wegweiser zu sehen sind und landen mit unserm ungelenken „Jumbo“ plötzlich in den engen Basargassen. Das einsetzende Palaver und Gehupe ist ohrenbetäubend und nicht nur Poul Eriks Hände sind schweißnass. Nach einer knappen Stunde erreichen wir wieder die Straße Richtung Jordanien.

An der Grenze erfahren wir einmal mehr die arabische Gemütlichkeit. Zwei Tage müssen wir warten. Alle Papiere der 250 Trucks und Trucker werden auf einen großen Haufen geworfen und dann dürfen die Fahrer sehen, ob und wie schnell sie ihre Dokumente wiederfinden. Daneben sitzen Zöllner, die bei der kleinsten Gelegenheit in die Luft gehen. Die Atmosphäre ist gespannt. In das allgemeine Durcheinander platzt plötzlich ein weiterer Beamter und räumt alle Papiere ab. Zwei Stunden Teepause. Danach geht es in bewährter Form weiter.

Ab hier ist meine Begleitung von Poul Erik zu Ende. Er nimmt die direkte Route zur saudi-arabischen Grenze, wohin ich ihm mangels Visum nicht mehr folgen kann. Ein paar Wochen später rufe ich ihn in Arhus an und lasse mir den Rest der Tour erzählen.

Jordanien empfängt uns mit landschaftlichen Reizen, die im krassen Gegensatz zur kargen, flachen Ebene Syriens stehen. Auf malerischen Straßen geht es Richtung Süden. Nach wenigen Kilometern ist die saudische Grenze erreicht, wo uns arabische Urlauber in Massen entgegenkommen. In luxuriösen Geländewagen sitzen meistens etwa zwölf Personen, vor allem aus den betuchteren Schichten.

Wieder kommt man um das bekannte Warten nicht herum, die Kontrolle ist gründlicher als alle anderen vorher, besonders sorgfältig suchen die Zöllner nach Alkohol, dessen Genuss und Besitz streng verboten ist. Anschließend geht es fast 1.000 Kilometer an der Trans-Arabischen Pipeline (TAP) vorbei, meistens schnurgerade geradeaus. Eine weitere neue Straße führt dann mitten durch die Wüste nach Burayda, wo das Öl ausgeladen wird. In südwestlicher Richtung führt die Fahrt nach Mekka und Jeddah und weiter nach Süden, dem Jemen entgegen.

Die letzten Kilometer bis Jizan sind noch einmal eine Belastungsprobe für Mensch und Material: sie sind nicht asphaltiert und führen mitten durch den Sand. Gut, dass der Truck jetzt nur noch rund die Hälfte wiegt. Trotzdem sitzt er des Öfteren fest. Teils mit Schaufeln, teils mit Schleppen kommt er wieder frei. Temperatur jetzt im Hochsommer: rund 50 Grad im Schatten, in der Wüste eine witzige Angabe.

Während ich im Jet dem kühlen deutschen Sommer entgegenfliege und in wenigen Stunden wieder zuhause bin, denke ich oft an Poul Erik, dem jetzt noch einmal die gleichen 8.000 Kilometer bevorstehen.

Ich selbst habe meinen Flieger zurück nach Hause verpasst, weil wir unterwegs einfach zu viel Zeit verloren haben. Gezwungenermaßen bleibe ich eine Woche länger in Jordanien und habe Zeit, Petra und das Wadi Rum, das Tote und das Rote Meer für mich zu entdecken. In Petra sind 1981 noch keine Touristen. Ich treffe zwei junge Frauen aus Dänemark, die bei der PLO in Beirut ein Praktikum gemacht haben. Auf dem Parkplatz steht ein deutsches Reisemobil, dessen Besitzer begeistert von ihrem Abstecher nach Baalbek im Libanon erzählen. Das alles kann ich mir in meiner jungschen Unwissenheit überhaupt nicht vorstellen. Dass im Libanon Bürgerkrieg herrscht, habe ich schon mitbekommen und begreife nicht, dass man da tatsächlich hinfahren kann. Zweieinhalb Jahre später bin ich das erste Mal selbst dort und berichte über den Krieg. Die Leidenschaft für den Libanon ist geweckt. Vier Jahrzehnte später, wer hätte das je gedacht, lebe und arbeite ich in Beirut und bin dort glücklich verheiratet.

Auch in Petra, auf dem gleichen Parkplatz treffe ich am selben Tag Helga und Ulli, die mit ihrem VW-Bus in den Sommerferien bis hierher gefahren sind. Wir bleiben ein paar Tage zusammen unterwegs und freunden uns an. Im August 2021 haben wir in Hannover unser eigenes 40jähriges gefeiert.

Der Kreis ist geschlossen.

Viele Grüße
Achim
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