Mai 2012 in Tunesien

Kultur, Natur, Unterkunft, Reiserouten, Sehenswürdigkeiten, Tourismus Staaten: Marokko/Sahara, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten.

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Jürgen
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Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Jürgen »

Mai 2012 in Tunesien war schön wie immer.
Anreise 05.05.:
San Bernardino – Schnee
Chiasso – problemlos
Bis Genua – Regen
Fähre – pünktlich bei der Ankunft, verspätet bei der Abfahrt (2 Std.) wegen des Streiks der Hafenarbeiter in Marseille wurden viele Franzosen über Genua abgefertigt.
Papierkram auf der Fähre – chaotisch (wie immer)
Zoll in Tunis – reibungslos (20 Min)
Wetter – traumhaft

Was war nun anders seit meinem letzten Besuch im November 2011?

Von den Leuten an der Straße her sah man keine Veränderung – alle sehr freundlich.
Doch bei einigen Gesprächen mit Bekannten, Freunden und auch Fremden auf der Straße wurde mir einiges erzählt. Neben positiven Dingen doch eine Menge negatives; leider!
Zum positiven: Es kommen wieder mehr Touristen (Hotelurlauber) ins Land, wenn auch nicht mehr so viele wie in den Jahren zuvor. Kaum noch Polizei-Kontrollen (mehr hierzu später).

Nun zum Ernst der Lage wie mir erzählt wurde:
Es fing schon auf der Fähre an. Ein neu kennengelerntes, tunesisches Rentner- Ehepaar (wohnhaft in der Nähe von Köln) aber zu Hause in Kasserine berichteten mir von Ausgangsperren (20 – 06Uhr) in ihrer Gegend und in den Abendstunden mit „dubiosen Gestalten“ auf den Straßen in und um Speitla des halb wurde ihnen tunlichst geraten nur am Tage in ihre Heimatstadt zu fahren. Ein paar Tage später hörte ich, von Einheimischen, dass es südlich einer Linie Speitla – Gafsa – Gabes immer wieder zu Demonstrationen und Ausschreitungen gekommen sei.
Die Leute mit denen ich mich unterhalten habe erzählten mir dass das „neue Regime“ nicht gerade besser sei wie das Alte. Was eigentlich durch die Blume gesagt heißen soll: Ben Ali war schon schlimm, aber die neuen?!!!!.............( zum Teil Mafiamethoden!)
Mein benachbarter Gemüsehändler sagte mir, dass er ein paar Tage zuvor kontrolliert (Polizei) wurde und wie so ein vollbeladener Peugeot 404 oder ein Isuzu aussieht brauch ich nicht erzählen! Wie dem auch sei er wurde kontrolliert (überladen natürlich!). Er wurde aufgefordert soviel Ware von seinem Pick Up abzuladen bis dieser wieder in eine waagrechte Fahrlage gebracht wird oder er zahle dem Polizisten zum „Auge- zudrücken“ 50TND. Und wenn er nichts gesehen haben will, da er ja schließlich 2 Augen hat verdoppelt sich das Ganze, mit der Zusage dass er danach kaum mehr Probleme haben wird. So geschehen zwischen Zaghouan und Hammamet.
Selbst Gerichtsurteile werden geändert oder gefälscht! Meine Nachbarin (Anwältin in Tunis und Hammamet) erzählte mir von solchen Vorfällen. Sie hat einen Freispruch für ihren Mandanten erwirkt, jedoch Dieser wurde nur 2 Tage später wieder inhaftiert (wg. demselben Vergehen). Als meine Nachbarin davon hörte fuhr sie gleich wieder nach Tunis zum Gericht (um Einspruch zu erheben). Zwei Straßenzüge weiter hat sie ihr Auto geparkt. Als sie zurückkam waren die Autotüren verbeult, die Seitenscheiben eingeschlagen und 2 Reifen zerstochen! (Aber nur ihr Auto wurde demoliert – komisch nicht wahr?) Schaden so um die 5000TND. Sie ist eine gläubige Muslima aber sie steht für eine Trennung zwischen Glauben und Staat ein!

Abends in Hammamet:
nach 20Uhr kaum noch Taxis in den Straßen, die Cafés fast menschenleer, Polizei sieht man auch kaum und wenn dann nur schwer bewaffnet (Panzerwagen, MG´s usw.).
Der Grund ist: von den Jungs traut sich keiner mehr auf die Straße weil sie sonst verprügelt werden! Auch mir wurde abgeraten nach 20Uhr Auto zu fahren. Es ereignen sich immer wieder Überfälle. Aber Touristen werden in Ruhe gelassen!

Zur Gesellschaft an und für sich:
Es „brodelt“ ein wenig.
Weiter wurde mir mitgeteilt. Die alten „Hardliner“ des Ben Ali – Regimes haben als erstes nach dem sie erfuhren ihr geliebter „Brötchengeber“ sei geflüchtet und habe sie im Stich gelassen, ihre Uniformen weggeschmissen und einen auf „unschuldig“ gemacht. Jedoch nach der letzten Wahl haben die wieder eine Chance gesehen um wieder mitmischen zu können. War für die ganz easy! Sie wurden von der jetzigen Regierung angeheuert. Zu welchem Zweck? Unruhe zu stiften!! Denen wurde auferlegt sich den Kopf zu scheren, Bärte wachsen zu lassen und „Chelabas“ zu tragen. In abgelegenen Gegenden sorgen diese dann für Unruhe! Sie gehen in die Ortschaften wo sie keiner kennt und „heuern“ männliche Kinder und Jugendliche mit einem simplen Trick zum Steine werfen an. Der geht so: Jungs ihr bekommt pro getroffenem, neuen Auto, 15 - 20 TND, was bei einem nachwievor niedrigen Tageslohn von 15TND eine Menge Geld ist! Neuere Fahrzeuge gibt es genug. Mit anderen Worten, ein Jugendlicher der 4 Autos trifft hat mehr Geld in der Tasche als sein 8-10Stunden arbeitender Vater. Man könnte zu diesen „alten“ Unruhestiftern auch Salafisten sagen, doch diese Machenschaften haben nichts mit dem Glauben zu tun obwohl beim anheuern hasspredigten geführt werden. Meine Nachbarin sagt: am schlimmsten sind die „ Meatheads with long bearts!“ (Kahlköpfige mit langen Bärten)
Pressemitteilungen für das Ausland sind größten Teils gefakt!!!

Ein weiteres Problem wird auf Tunesien zukommen! DROGEN.
Mir wurden keine angeboten. Aber in einer naheliegenden Schule (Gymnasium) haben sich Eltern beschwert dass ihre Kinder zu Hause sich auffällig benahmen, das Essen verweigerten sich wegen Übelkeit vor der Schule drückten oder überhaupt keine Lust mehr hatten. Darauf hin wurde die Schulbehörde beauftragt der Sache nach zu gehen. Razzia an der Schule. Resultat: 70% der Oberstufenschüler nahmen Drogen (Hasch, Extasy und Kokain). Auf Befragung der Schüler woher sie das Zeugs hätten kam immer wieder die gleiche Antwort: Aus dem Süden!
Und aus dem Süden kommt noch einiges Mehr. WAFFEN! Geschmuggelt aus Libyen und Algerien. (billig zu haben. Eine AK 47 mit einer Kiste Munition schon unter 1000TND. Kalaschnikow MP auch mit Munition unter 500TND) Erschreckend.
Erschreckend auch wie ich gesehen habe sind kleine Mädchen die letztes Jahr im November noch in Kleidchen bei uns in der Straße mit ihren Puppen gespielt haben. Und jetzt müssen sie :arrow: Hidschabs tragen.
Junge Buben 8 – 10 Jahre alt werden in Chelabas gesteckt, zuvor trugen sie Fußballtrickots aus aller Herren Länder. Es wird nicht mehr auf den Straßen in Hammamet gespielt, im Hinterland schon noch.

Wirtschaftlich gesehen:
Schleichende Inflation – gut; für uns Touristen war der Wechselkurs super. (1 € = 2TND)
Preise sind gestiegen: Hauptsächlich Obst und Gemüse. Fleisch das eh und jeh schon teuer war ist noch teurer geworden! Grundnahrungsmittel blieben unverändert; selbst Benzin und Diesel haben den gleichen Preis wie im November. Viele kleine Geschäfte sind geschlossen so auch in den Hotelzonen weil die Touristen fehlen. Und zu denen die da sind wird gesagt bleibt lieber im Hotel!
In meine Stammläden wo ich zum einkaufen hin gehe wurde ich wie immer herzlich begrüßt und nach meiner Einschätzung der Lage in Tunesien gefragt.
Demonstrationen überall. 2 Tage vor unserer abreise haben die Lehrer gestreikt die Schulen blieben geschlossen. Personal der SCNF (staatl. Eisenbahngesellschaft) tat das Gleiche. Keine Züge fuhren mehr.

Auf der Rückfahrt
am 18.05. habe ich mich mit einer geführten Motorradgruppe (Tourer) aus Deutschland unterhalten. Für die Gruppe war nichts Auffälliges zu sehen, bis auf ein paar brennende Autoreifen und Militärdraht am Straßenrand. ( lieben Gruß nach Winsen/Luhe und Tettnang!)
Eine Gruppe ist mir aufgefallen. ( Unterwegs mit den „Joghurtbechern“ ) Deren Reiseleiter sinnierte, in seinem alpenländischen Dialekt, beim Abendessen am Nachbartisch in seine Runde: „ 5 Jahre war nicht mehr in Tunesien aber von Demokratie ham die „Deppen“ immer no nix verstanden“. Na ja was will man dazu sagen – am Besten nix!

Man wird sehen wie es mit diesem schönen Land weitergeht. Sagen auch die Leute auf der Straße. Dies jedoch wird sich aber erst im Frühjahr 2013 zeigen da sind neue Wahlen. Entweder es normalisiert sich wieder oder was ich nicht Hoffen will kommt es zu einer weiteren Revolution. Diese wird dann aber wahrscheinlich nicht so friedlich ablaufen wie der so gen. arabische Frühling 2011 der in Tunesien begann.

Fazit:
Was ihr hier lest soll das Land bei Allah nicht schlecht da stehen lassen nein nicht im Geringsten!!
Es sind persönliche Eindrücke die ich aus Gesprächen gewonnen habe
Ich kann nur empfehlen Fahrt nach Tunesien die gewohnt freundlichen Leute werden es euch DANKEN!!
ICH WERDE AUF JEDEN FALL WIEDER IM OKTOBER NACH TUNESIEN FAHREN!
Ihr werdet euch nun fragen warum schreibt er dies 14 Tage nachdem er zurück aus Tunesien ist!
Ganz einfach: Voller Dienstplan und ein abgestürztes Notebook (Betriebssystem und Festplatte)

Grüße
Jürgen
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Kuno
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Kuno »

Jürgen hat geschrieben:Sie wurden von der jetzigen Regierung angeheuert. Zu welchem Zweck? Unruhe zu stiften!! Denen wurde auferlegt sich den Kopf zu scheren, Bärte wachsen zu lassen und „Chelabas“ zu tragen. In abgelegenen Gegenden sorgen diese dann für Unruhe! Sie gehen in die Ortschaften wo sie keiner kennt und „heuern“ männliche Kinder und Jugendliche mit einem simplen Trick zum Steine werfen an.
Und wo liegt da der Vorteil fuer den "Auftraggeber"?
Jürgen
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Jürgen »

Kuno hat geschrieben:
Und wo liegt da der Vorteil fuer den "Auftraggeber"?
@ Kuno:

Überleg mal!
Du sitzt an einer Machtposition. Was würdest du machen?
m. E. ist es so: Es wird ein "Sündenbock" gesucht und gefunden! (wobei ich den "Salafismus" nicht gut heiße, wie auch viele Tunesier!!!)
Dieser "Sündenbock" wird bekämpft, um beim Volk ( bei den nächsten Wahlen) gut da zu stehen :!: .
Um "alte" und "neue" Unterdrückungsmethoden (mehr Polizei, Spitzel usw..) einzusetzen.
Nach dem Motto wir haben ja was getan. Aber ob dies der richtige Weg ist wird sich zeigen :!: :!:

Jürgen
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Franz
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Franz »

Herzlichen Dank, Jürgen für deinen Bericht.

Ich finde deine Infos direkt von den Menschen, sozusagen direkt von der Strasse sagen mehr aus als einige "Berichte" aus dem bundesdeutschen Blätterwald.

Die Joghourt-Becher habe ich allerdings nicht verstanden.
Grüße
Franz
Jürgen
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Jürgen »

Franz hat geschrieben: Die Joghourt-Becher habe ich allerdings nicht verstanden.
Grüße
Franz
WOMO´S > 7mtr. (Mobilhome) :wink:

Jürgen
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Wolfgang K
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Wolfgang K »

Hallo Jürgen,

viele Tunesier gehen also davon aus, dass die Übergriffe z.B. in und um Sejnane inszeniert sind?

Mich würde nicht wundern wenn man so was machen würde. Umgekehrt würde es mich nicht wundern, wenn den Bärtigen nicht so ganz negativ gesonnene genau eine solche Inszenierung behaupten und das wiederum verbreiten. Die Vorfälle habe auf jeden Fall eine gewisse Sprengkraft im Inland.

Frei nach PeterM: es wird beides der Fall sein.

Was ist mit den Pressemitteilugnen im Inland. Wie werden die eingeschätzt. Ich hatte mal ein par Online-Zeitunge verlinkt mit Artikeln zu den Vorfällen. Wie sind die einzuschätzen? Diese sind ja nur für das Inland bestimmt und die Leserreaktionen waren ja recht kontrovers.

Viele Grüße und Danke für die Einschätzung
Wolfgang
Ralf Kiefer
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Ralf Kiefer »

Jürgen hat geschrieben:
Franz hat geschrieben: Die Joghourt-Becher habe ich allerdings nicht verstanden.
Grüße
Franz
WOMO´S > 7mtr. (Mobilhome) :wink:
Im Zusammenhang mit den zuvor erwähnten Moppeds sind Joghurtbecher typischerweise Plastikverkleidete, meist auch mit Zuvielzylindermotoren [1] und keinem Fahrwerk [2] ;-) Die Liebhaber dagegen nennen sie Sportler oder Supersportler.

Gruß, Ralf, aufklärend :-)

[1] > 2
[2] Federwege unter 25cm, null Bodenfreiheit wg. Plastikgeraffel unterm Motor
Jürgen
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Jürgen »

Wolfgang K hat geschrieben:
Was ist mit den Pressemitteilugnen im Inland. Wie werden die eingeschätzt. Ich hatte mal ein par Online-Zeitunge verlinkt mit Artikeln zu den Vorfällen. Wie sind die einzuschätzen? Diese sind ja nur für das Inland bestimmt und die Leserreaktionen waren ja recht kontrovers.


Wolfgang

Hallo Wolfgang, dies einzuschätzen ist sehr schwierig :|
1. Printmedien sind nicht gleich 1:1 Onlinemedien
2. Onlinemedien werden zum Teil übersetzt bzw. zurecht gestuzt (manipuliert)
3. Printmedien wie "leTemps" od. "Quotien" sind "Regierungshörig"
4. für mich persönlich - ich kann sie nicht lesen :oops:
5. Meldungen sind öfters nicht mehr aktuell.

Zu deinem genannten Fall kann ich nicht viel dazu sagen, habe danach gefragt und meistens war die Antwort: ein Kopfschütteln, Achselzucken und öfters auch eine prägnante Geste (eine Hand am Kinn und den imaginären "Bart" nach unten ziehen).

Es ist nicht einfach was man glauben soll, es sei denn man ist oder war dabei :!:

Jürgen
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Jürgen
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Jürgen »

Wolfgang K hat geschrieben:
viele Tunesier gehen also davon aus, dass die Übergriffe z.B. in und um Sejnane inszeniert sind?

Mich würde nicht wundern wenn man so was machen würde. Umgekehrt würde es mich nicht wundern, wenn den Bärtigen nicht so ganz negativ gesonnene genau eine solche Inszenierung behaupten und das wiederum verbreiten. Die Vorfälle habe auf jeden Fall eine gewisse Sprengkraft im Inland.
Heute war online ein Interview in der "Le Temps" dazu zu lesen was auch meine Gespräche mit den Tunesiern z.T. unterstreicht bzw. bestätigt.
Alaya Allani, professeur d’histoire contemporaine spécialiste des mouvements islamistes:
Al-Qaïda craint la réussite de l’expérience de l’Islam modéré en Tunisie
mehr
:arrow: Übersetzung

leider gehört "le Temps" zu den "hörigen" :!:

Jürgen
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Jürgen
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Jürgen »

Habe gerade mit Freunden in Tunesien telefoniert.

Es herrscht z.Zt. eine angespannte "Ruhe"
Auf den Strassen ist sehr viel Militär (Panzerspähwagen) präsent!

mal schauen wie es sich weiter entwickelt.

Jürgen
(Stand: 02.07.12 - 22.10Uhr)
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Wolfgang K »

Moin, Moin

Ich war seit Ende April selbst nicht in Tunesien, daher kann ich mir die Lage auch nur aus der tunesischen Presse zusammensuchen.

Ich habe den Eindruck, dass sich die Fronten deutlich verhärten. Während die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation besonders im Westen des Landes immer deutlicher wird (Demonstrationen und andere gewalttätige Auseinandersetzungen) wird auch der Ton zwischen säkularen und religiösen Kräften immer schärfer. Die Regierung der Ennahda steht einerseits immer mehr in der Kritik gegen gewalttätige Salafisten nicht ausreichend vorzugehen, auf der anderen Seite scheint sie gegen säkulare Kundgebungen um so strenger vorzugehen.
Vor ein paar Tagen wurde eine Demonstration für die Pressefreiheit in Tunis mit Gewalt aufgelöst, nachdem sie am Tag zuvor verboten worden war.
http://derstandard.at/1343744004763/Ant ... aufgeloest
(eine der wenigen deutschsprachigen Meldungen)


Die Frage ob die Salafisten der verlängerte Arm der Ennahda sind oder von alten Kadern gedungene Schläger in Kostümen kann man wohl nur mit „beides eher nicht“ beantworten, denn viele der Auseinandersetzungen sind inzwischen zwichen den Salfisten und den Ennahda-Anhängern anzusiedeln.
Am Sonntag ist Abdelfattah Mourou, ein Veteran der Ennahda in Kairouan bei einem Kongress der Partei von salafistischen Schlägern verletzt worden. Er gehört zum eher modernen, liberalen Flügel der Ennahda. (Interview aus 2011). http://www.zenithonline.de/deutsch/poli ... rt-001066/

Das Spektrum innerhalb der Ennahda scheint recht weit zu sein, denn die Diskussion um das Verbot der „Gotteslästerung“ zeigt auch erzkonservative Strömungen. Die genaue Formulierung des Gesetzesentwurfes habe ich nirgends gefunden, aber es hat einen starken Geruch nach einer Keule gegen alles was nicht der eigenen Position entspricht, da man ja selbst praktischerweise auch „Hüter der Frömmigkeit“ ist. Ein Mittel gegen den „laizistischen Extremismus“ sozusagen. Den Begriff „laizistischen Extremismus“ hört man öfters und er zeig wie gerissen Agitiert wird. Wenn die Salafisten wieder irgendwo randaliert haben ist, dann lautet die Ermahnung, man dürfe dem laizistischen Extremismus nicht mit Gewalt antworten. http://www.tunisienumerique.com/tunisie ... cre/137429

Mein Eindruck ist, dass sich die Mehrheiten sich zu Ungunsten der Islamisten verschieben und diese darauf mit Verhärtung ihrer Position reagieren, aber es ist nur ein persönlicher Eindruck. Ich denke es könnte im kommenden Jahr noch mal ruppig werden. Man sollte die noch ruhige Zeit für einen Besuch nutzen.

Grüße
Wolfgang
Wolfgang K
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Wolfgang K »

Ein ganz guter Artilel auf deutsch u.a. über die Festnahme von Sofiane Chourabi:

So sehen auch manche Publikationen deutliche Indizien, dass das Vorgehen gegen Chourabi, das aufgrund des Hinweises eines Unbekannten erfolgte, politische Hintergründe hat. Chourabi ist ein Kritiker der Politik der Regierungspartei Ennahda. Diese wiederum macht seit einiger Zeit die Medien dafür verantwortlich, dass die Lage im Land aufgewiegelt werde. Doch ist das Gesetz, das Anfang August dem verfassungsgebenden Rat präsentiert wurde, wonach jeder, der Werte, Objekte und Orte, die mit Religion verbunden sind, angreift, mit einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren zu rechnen hat, keine Erfindung von Journalisten
http://www.heise.de/tp/blogs/6/152541


und ein weiterführender Link aus dem Artilel über die Ereignisse der letzten Tage (leider nur in franzacksisch)
http://www.businessnews.com.tn/details_ ... mp=1&lang=

Grüße
Wolfgang
Birgitt
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Tunesien - Gewaltsame Zusammenstöße in Sidi Bouzid

Beitrag von Birgitt »

La police a dispersé jeudi une nouvelle manifestation d'opposants dans la ville berceau de la révolution de 2011.
Sidi Bouzid est restée un bastion de la contestation politique en Tunisie. - La police tunisienne a procédé à des tirs de balles en caoutchouc et de gaz lacrymogènes à Sidi Bouzid (centre-ouest), berceau de la révolution de 2011, pour disperser une manifestation d'opposants. Une personne blessée par une balle en caoutchouc et quatre autres qui se sont senties mal en raison du gaz ont été transférées à l'hôpital de Sidi Bouzid, a indiqué le surveillant général de cet établissement, Adel Dhaï, assurant que ces blessures n'étaient pas graves.
Tunisie : regain de tensions à Sidi Bouzid
10.08.2012 - Le Point

Tunisie: manifestations à Tunis et Sidi Bouzid, où la police intervient
10.08.2012 - AFP

Tunesien: Gewaltsame Zusammenstöße in Sidi Bouzid
10.08.2012 - Zenith

Gruß
Birgitt
Wolfgang K
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von Wolfgang K »

Oh Wunder, das Thema hat es wieder mal in die deutsche Presse geschaft. Immerhin!

Tausende Tunesierinnen demonstrieren für ihre Rechte

http://www.spiegel.de/politik/ausland/t ... 49873.html


In dem Artikel wird der Ruf nach einer "zweiten Revolution" erwähnt.
Dieser Ruf macht nicht nur unter den liberalen Kräften in Tunesien die Runde.
Aus der Ennahda war vor ein par Tagen die gleiche Formulierung zu hören – mit einem Bedrohlichen Unterton: Nach der "erneuten großen Bestätigung des Kurses der Partei" bei den nächsten Wahlen werde es einen weitere Revolution geben:
http://www.tunisienumerique.com/tunisie ... oun/138531


Die Leserkommentare sprechen bei den französischsprachigen tunesischen Onlinezeitungen eine klare Sprache, aber ich kann nicht einschätzen wir repräsentativ das ist. Da sich in den französischsprachigen Portalen überwiegend jüngere und gebildete Leser tummeln und man daher naturgemäß weniger Islamisten dort findet kann man das nicht übertragen. Aber der Ton gegen Ennahda wird auch in der Presse an sich schärfer – und das ist Vorsichtig formuliert. Prompt hat sich Ennahda beschwert, dass die Presse an allen Problemen schuld sei.
In Deutschland würde man sagen: Sie lassen die Katze langsam aus dem Sack.

Die Kommentare unter dem Spiegelartikel sind wie dort üblich zu 90% grenzdebil. Würde ein Leser aus den Kommentaren im Spiegel Forum auf die deutsche Meinungslage schließen, so käme er zu dem Schluss, dass ein Haufen Irrer kurz davor stehe einen Bürgerkrieg anzuzettteln.


Grüße
Wolfgang
TwinMichel
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Re: Mai 2012 in Tunesien

Beitrag von TwinMichel »

Moin,

wir waren im März/April 2012 mit 2 AfricaTwins unterwegs und haben in 3 Wochen mehr
als 2500km gefahren, zum Teil wild gecampt.

Zaghouan > El Fahs > Siliana > Sbeitla > Kasserine > Gafsa > Metlaui > Tozeur
Chott El Gharsa > Chbikka > Mides > Tozeur > Chott El Jerrid > Douz > Bir Soltane > Ksar Ghilane
Matmata > BeniKedasche > Ksar´s > Gabes > Sakketschlucht > Sbeitla > Rouhia > El Skour > El Kef
Jendouba > Tabarka > Cap Serrat > Bizerte > Tunis > Uthina > Soliman > Nabeul > Cap Bon > Tunis


In Medenine ein paar "komische Gestalten", um El Kef ein paar Steine Werfer und auf dem Weg zum CapBon
eine kleine Demo. Ansonsten alles klasse - gastfreundlich und abseits der TouriRouten alle sehr interessiert.

Wenn ich nachts in Hamburg auf dem Kiez unterwegs bin, oder in Berlin U-Bahn fahren muss habe ich mehr Sorgen :-)

Würde sofort wieder starten.....
Michael
alias "TwinMichel"
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