Guido3 hat geschrieben:
[…]
Es ging vor allem um die Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse. Das ist auch nachvollziehbar.
Auch Mursi ist wohl nicht primär an autokratischen Tendenzen und der Kompromisslosigkeit gegenüber der Opposition gescheitert. Brot, Benzin, Gas zum Kochen wurden teurer und waren vielfach wohl gar nicht mehr zu bekommen. […]
Der wirtschaftliche Aspekt ist der entscheidende wenn man den jetzigen Umschwung der Stimmung verstehen will.
Wenn man sich Gründe warum die MB (und auch anderen religiösen Parteien) gewählt wurden sind das ganz unterschiedliche:
1. Jeder kannte sie und sie waren (praktisch als einzige der bekannten Organisationen) fern vom vorherigen Regime (weiße Weste).
2. Durch Übernahme von Wohlfahrtsaufgaben gefühlte Kompetenz bei sozialen Problemen.
3. Hoffnung, dass die Besinnung auf (gemeinsame) religiöse Werte Einheit und Gerechtigkeit bringt.
4. Überzeugung dass eine religiöse Ordnung auch wirtschaftlichen Erfolg bringt (die Isalamisten machten ja seit jeher für alle Probleme die zu weltliche Ordnung verantwortlich) .
5. Orientierung auf das Jenseits: Wer sich für die „gottgewollte“ Ordnung einsetzt oder sie gar erreicht, dem winkt im Jenseits das Paradies.
Nur Punkt 3 und 4 (also die rein wirtschaftlichen und „zivil“gesellschaftlichen) sind definitiv weggefallen weil ad absurdum geführt und fallen in Zukunft – wie in anderen Ländern – weg.
Die anderen Punkte bleiben aber bestehen. Beim 1. und 2. können und werden andere (staatliche) Organisationen aufholen. Das ist alles nichts was einer demokratischen Entwicklung im Wege steht.
Für die Anhänger, für die Punkt 5 im Wesentlichen gilt kann aber niemand sonst etwas bieten. Diesen Leuten geht jeder Pragmatismus ab und sie werden sich durch keinen wirtschaftlichen Misserfolg davon abbringen lassen, weil sie sich eigentlich von Zielen im Diesseits verabschiedet haben oder diese nur Beiwerk sind.
Das trifft zwar überwiegend auf das salafistische Lager zu aber auch die MB dürfte nicht wenige Anhänger mit solchen Motiven haben. Für die Minderheit der „Punkt 5 Kandidaten“ ist jetzt der politische Zug abgefahren, weil es den meisten Leuten bei der Politik dann doch ums Diesseits geht.
Diejenigen werden in Daueropposition nicht nur zur Regierung sondern zur Demokratie an sich stehen und sich allem verweigern. Mit denen ist nichts zu erreichen. Wie gewalttätig sie werden wird sich in den kommenden Wochen zeigen.